Prof. Dr. Claudia Weber Potsdam, August 2025
In einem Interview mit der Zeitschrift „Newsweek“ im Jahr 2015 berichtete der
jüdische Architekt Daniel Libeskind (1946 im polnischen Łódź geboren) von ei-
ner Frage, die er in Vorbereitung auf ein Ausstellungsprojekt sowjetischer und
nationalsozialistischer Kunst im Berliner Martin Gropius Bau dem französischen
Philosophen Jacques Derrida stellte: „I would like you to give me,“ so Libeskind,
„the answer to a very simple question. What is the most important date in the
20th century?“ Derrida antwortete: der „‚23 Aug 1939‘– the day of the Hit-
ler/Stalin pact.”1
Im Interview sagte Libeskind über die Gestaltung der Berliner Ausstellung:
„That was the end of the world. Those two colliding deviants of history had di-
vided it. I built two mega wedges, one black wedge closing in on a big red one.
It was one of the most popular exhibitions ever. For the first time, people could
see what Derrida meant.“2
In den 1990er Jahren verwiesen Daniel Libeskind und Jacques Derrida auf ein
historisches Ereignis, das für uns und natürlich auch in der historischen Erinne-
rungskultur osteuropäischer Staaten wie Polen oder dem Baltikum eine im-
mense Bedeutung besitzt, das jedoch in der gesellschaftlich-öffentlichen Welt-
kriegserinnerung bis heute nur eine untergeordnete Rolle spielt: der Hitler-
Stalin-Pakt, der am 23. August 1939 zwischen dem nationalsozialistischen
Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion geschlossen wurde und zu
den historischen Bedingungen für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Eu-
ropa und Hitlers Einmarsch in Polen gehört.
Europas Erinnerung
Im April 2009 erklärte das europäische Parlament den 23. August zum europäi-
schen Gedenktag für die Opfer von Stalinismus, Faschismus und Nationalsozia-
lismus. Im Vorfeld des damals 70. Jahrestages des Hitler-Stalin-Pakts reagierte
Europa auf die seinerzeit bisweilen heftig geführten Debatten um den Kanon,
die Orte und die Gedenkformen einer gemeinsamen europäischen Erinnerung
nach dem Ende des Kalten Krieges.
Die Diskussionen jener Jahre spielten auf verschiedenen Bühnen. In den euro-
päischen Institutionen rangen vor allem Politiker*innen der östlichen EU-
Mitgliedstaaten Polen und des Baltikums um die Anerkennung der stalinisti-
schen Gewalterfahrung, die ihnen in den Jahrzehnten des sowjetischen Staats-
sozialismus verwehrt geblieben war. In der akademischen Community, insbe-
sondere in den Geschichtswissenschaften, wurden die Auseinandersetzungen
um einen gesamteuropäischen Erinnerungskanon, der die Gewaltherrschaft
Stalins einschließen würde, teilweise kritisch beäugt und waren von der Be-
fürchtung begleitet, dass damit die Relativierung des Holocaust und seiner his-
torischen Singularität verbunden sein könnte. Claus Leggewie, einer der pro-
noncierten Vertreter der damaligen Fachdebatten, sprach in diesem Zusam-
menhang von einem „Schlachtfeld der Erinnerung“, das von den ideologischen
Frontstellungen des Kalten Krieges geprägt war.3
Tatsächlich prolongierten die Erinnerungsdebatten die historische Teilung der
Welt im 20. Jahrhundert, die nicht nur die politische und gesellschaftliche Ent-
wicklung Europas, sondern auch die erinnerungskulturellen Traditionen des
Kontinents manifestiert hatte. Im Westen wurde der Holocaust zum negativen
Gründungsmythos der demokratischen Gesellschaften, allen voran der Bundes-
republik. In Osteuropa legitimierten die Narrative des antifaschistischen Wider-
standskampfes und des glorreichen Sieges über den Nationalsozialismus, das
sowjetische Imperium und tabuisierten die eigene Gewaltgeschichte, auch die
des Hitler-Stalin-Pakts. Die getrennten Erinnerungstraditionen des Kalten Krie-
ges zu überwinden war der politische, gesellschaftliche und akademische Impe-
rativ jener „europäischen Euphorie“, die den Debatten zugrunde lag und von
der mittlerweile nicht mehr viel zu spüren ist.
In unserer Gegenwart, in der die Idee einer integrativen Europäisierung an Zug-
kraft verloren hat, sind die Diskussionen um einen europäischen Erinnerungs-
kanon verhallt. Die Geschichte des Bündnisses zwischen Nationalsozialismus
und Stalinismus wird wieder als eine „osteuropäische Angelegenheit“ betrach-
tet, sowohl hinsichtlich des historiographischen als auch des erinnerungskultu-
rellen Umgangs.
Ich halte diese Rückkehr zur, wie ich sie nenne, Erinnerungslogik des Kalten
Krieges für fatal, einerseits, weil sie den Rückfall in die Ost-West-Mentalität des
Kalten Krieges bedeutet. Mehr noch parzelliert sie eine europäische Welt-
kriegsgeschichte, die selbst im konventionell ereignisgeschichtlichen Sinne
nicht voneinander getrennt betrachtet werden kann.
Der Hitler-Stalin-Pakt, der das Bündnis zwischen den beiden prägenden europä-
ischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts nach langer Annäherung und dann sehr
zügiger Verhandlung in wenigen Stunden besiegelte, stand am Beginn des
Zweiten Weltkriegs in Europa. Er ermöglichte Hitlers Wehrmacht und wenig
später Stalins Roter Armee den Einmarsch in Polen und setzte einen beispiello-
sen Vernichtungskrieg in Gang, der insbesondere im Osten – dem brutalen
Schauplatz des Holocaust – verheerende Folgen hatte. Der zweifache Terror
der Besatzer und die skrupellose Zerschlagung der zweiten polnischen Republik
sowie die im Juni 1940 vollzogene Besetzung des Baltikums sicherte die imperi-
ale Ausdehnung der Sowjetunion auf ein Territorium, dessen Bevölkerung bis
zum Ende des Jahrhunderts nicht aus dem sowjetischen Machtbereich entlas-
sen werden sollte. Dass die imperiale Gebiets- und Machterweiterung Hitlers
nach Westeuropa aber ebenfalls erst mit und durch den Hitler-Stalin-Pakt mög-
lich geworden war, wird sowohl in der historischen Forschung als auch in der
öffentlichen Erinnerung oftmals nur nebenbei erwähnt.
Meist und aus guten Gründen wird nach Osten geschaut. In Osteuropa tobte
der Vernichtungskrieg, hier geschahen Kriegsverbrechen wie die Allgemeine
Befriedungsaktion der deutschen Besatzer im Generalgouvernement oder die
stalinistischen Deportationen und die Massenerschießungen an kriegsgefange-
nen Polen, z. B. bei Katyń. Der Hitler-Stalin-Pakt entfaltete seinen Furor des
Terrors in den Bloodlands (Timothy Snyder), wo beide Diktaturen ineinander-
wirkten.
Und dennoch möchte ich heute speziell daran erinnern, dass der Einmarsch der
Wehrmacht in Frankreich, die Besatzung der Benelux-Staaten und Hitlers Ex-
pansion nach Westeuropa zeitgleich zur sowjetischen Besatzungspraxis im
Frühjahr des Jahres 1940 stattfanden. Und es ist fraglich, ob dies ohne den
„Rückhalt“, den sich Hitler mit dem Pakt „erhandelt“ hatte, möglich gewesen
wäre.
Das Bündnis zwischen den ideologischen Gegnern hat auch Westeuropa ge-
prägt; was in der historischen Forschung bekannt ist, das aber nicht im Kontext
des Hitler-Stalin-Pakts erinnert wird. Erinnert wird – und wir kennen die Erzäh-
lungen – das Entsetzen der linken und antifaschistischen Bewegungen in Ost-
und West, die von Stalins außenpolitischer Kehrtwende in ihren Grundfesten
erschüttert waren.
Für Intellektuelle wie Arthur Koestler, dessen Weltbestseller „Darkness at
Noon“ (dt. „Sonnenfinsternis“) 1940 erschien, bedeutete der Pakt den endgül-
tigen Bruch mit dem Kommunismus und der Sowjetunion. Koestler, der seit
den Moskauer Schauprozessen 1936 – 1938 mit seiner kommunistischen Über-
zeugung gehadert hatte, erinnerte sich an die Wirkung der Nachricht des Hitler-
Stalin-Pakts:
Dieser Schwebezustand dauerte für mich bis zu dem Tag, an dem zu Ehren Ribben-
trops die Hakenkreuzfahne auf dem Moskauer Flughafen gehisst wurde und die Ka-
pelle der Roten Armee das ‚Horst-Wessel-Lied‘ anstimmte. Damit war es Schluss: von
nun an war mir wirklich egal, ob mich die neuen Verbündeten Hitlers einen Konterre-
volutionär schimpften.4
Mit den „neuen Verbündeten“ meinte Koestler Moskau, aber auch die kom-
munistischen Parteien in Westeuropa, die nun, folgten sie der Linie Stalins, ge-
zwungen waren, den deutschen Einmarsch in ihre Länder zu begrüßen. Auf
Anweisung der Kommunistischen Internationale (Komintern) waren etwa
Frankreichs Kommunisten angehalten, die deutschen Besatzer in Paris als Ver-
bündete im Kampf gegen den französischen und britischen Imperialismus, die
Sozialdemokraten und die Regierung Daladier-Bonnet zu begrüßen. Schließlich
handelte es sich im Juni 1940 um Partner Moskaus.5 Dementsprechend hieß es
in einem Kommentar des illegalen Zentralorgans der französischen Kommunis-
ten „L’Humanité“ unter dem Titel „Französische Arbeiter und deutsche Solda-
ten“ am 4. Juli 1940:
In diesen schweren Zeiten ist es besonders ermutigend zu sehen, wie zahlreiche Pari-
ser Arbeiter sich freundschaftlich mit deutschen Soldaten unterhalten, sei es auf der
Straße oder im Bistro an der Ecke. Bravo, Genossen, nur so weiter, selbst wenn dies
gewissen Bürgern, die ebenso dumm wie bösartig sind, nicht gefällt. Die Verbrüde-
rung der Völker wird nicht für immer nur eine Hoffnung bleiben, sondern eine leben-
dige Realität werden.6
Im Sommer 1940 führte die KP Frankreichs Verhandlungen mit den deutschen
Besatzern, unter anderem über die Legalisierung der Parteipresse. Die Gesprä-
che scheiterte schnell, bereits nach wenigen Wochen wurden die Verhandlun-
gen zwischen der KPF und der deutschen Besatzungsmacht eingestellt.
Es waren die so genannten „Blitzkriege“ Hitlers in Westeuropa, die dem Bünd-
nis mit der Sowjetunion tiefe Risse zufügte.7 Stalin war durch die schnellen Er-
folge Hitlers beunruhigt. Molotow gratulierte dem „Dritten Reich“ zwar über
den Botschafter von der Schulenburg zum „glänzenden Erfolg der deutschen
Wehrmacht“, kündigte aber gleichzeitig das Vorgehen der Sowjetunion im Bal-
tikum an, dass „notwendig […] sei, um allen Intrigen ein Ende zu setzen, mit
denen England und Frankreich in den Baltenstaaten“ versuchten, „Zwietracht
und Misstrauen zwischen Deutschland und der Sowjetunion zu säen“.8 Den
Druck auf die Baltenstaaten hatte Moskau schon in der ersten Junihälfte deut-
lich erhöht. Und am 30. Juni 1940 erklärte Molotow gegenüber dem litauischen
Schriftsteller Vincas Kreve-Mickevicius:
Sie müssen in dem Maße Realisten sein, daß Sie verstehen, daß die kleinen Völker in
Zukunft verschwinden werden. Ihr Litauen zusammen mit den anderen baltischen
Völkern, Finnland mitgerechnet, wird in die glorreichen Familien der Sowjetvölker
aufgenommen werden. Deshalb sollten Sie beginnen, ihr Volk in das Sowjetsystem
einzuführen, das in der Zukunft ganz Europa beherrschen wird.9
zum Kern der erinnerungskulturellen und geschichtswissenschaftlichen Debat-
ten führt, also zu der Frage: Wohin führt uns die Geschichte, wenn totalitäre
Systeme in analytisch-vergleichender Absicht zwar voneinander getrennt wer-
den können, dies jedoch in der Untersuchung ihrer historischen Praxis, ihrer
wechselseitigen Beeinflussungen, ihrer Kooperationen und Beziehungen gar
nicht möglich ist?
Die Geschichte des Hitler-Stalin-Pakts ist hierfür das „Paradebeispiel“. Sollte die
europäische Zeitgeschichte dieses Ereignis und den Ansatz der Verflechtungs-
geschichte besser meiden, um nicht in das Fahrwasser der Relativierung zu ge-
langen? Oder sollte sie den Sprung ins kalte Wasser wagen, um durch neue
Forschungen und wissenschaftliche Erkenntnisse diesen Relativierungsvorwurf
jenseits medial aufgeheizter Debatten sogar zu entkräften?
Ich möchte heute für letzteres plädieren.
Der deutsch-sowjetische Flüchtlingsaustausch 1940 als Verflechtungsge-
schichte totalitärer Regime
Folgen Sie mir bitte in den Winter 1939/40, in dem sich in ostpolnischen Städ-
ten wie Przemyśl das ganze Elend der deutschen und sowjetischen Besatzung
auf unerträgliche Art und Weise zeigte.
Im Januar 1940 hielten sich in der geteilten und von den Kriegsgefechten zer-
störten Stadt ungefähr 35.000 Flüchtlinge auf.10 Die vor den Deutschen geflo-
henen Menschen campierten bei eisigen Temperaturen in Hausfluren, Ruinen
oder auf der Straße. Nachdem die Sowjetunion den Złoty noch im Dezember
1939 außer Kurs gesetzt hatte, verschlechterte sich ihre Lage nochmals. Wolf-
gang von Welck, der als Vertreter des Auswärtigen Amtes die deutsch-
sowjetische Besatzungspolitik begleitete, schrieb nach Berlin:
Die Flüchtlinge stammen aus dem Generalgouvernement, aus Westpreußen, Posen
und Oberschlesien. […] In Przemyśl vegetieren sie vielfach in Hausfluren. […] Die Kin-
der sind fast unbekleidet. Da hier ein besonders strenger Winter mit dreißig und
mehr Grad Kälte herrscht, befinden sich die Flüchtlinge in einem trostlosen Zustand.
[…] Es wurde beobachtet, dass Frauen ihre Unterwäsche verkaufen, um Geld zur Er-
nährung ihrer Kinder zu erhalten.11
Dass Tausende aus dem Generalgouvernement in den sowjetisch besetzten Teil
von Przemyśl geflohen waren, lag im Interesse der nationalsozialistischen Ver-
treibungspolitik. Noch vor der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen
Grenz- und Freundschaftsvertrages hatte Reinhard Heydrich, der künftige Lei-
ter des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) am 21. September 1939 erklärt,
dass die „Abschiebung über die Demarkationslinie […] vom Führer genehmigt
[ist]“.12 Seit Kriegsbeginn versuchten die Deutschen möglichst viele Polen und
polnische Juden in das sowjetische Gebiet zu treiben, so lange, bis Proteste aus
Molotows Außenkommissariat die „wilden Abschiebungen“ unterbanden. Da
diese nun nicht mehr möglich waren, drängte Berlin auf einen formalen Flücht-
lingsaustausch, nicht ohne direkt Bezug auf die Vorteile der stalinistischen De-
portationspolitik zu nehmen. Die Sowjetunion, so befand der Umsiedlungsex-
perte, SS-Obersturmbannführer Horst Hoffmeyer, habe doch durch die zahlrei-
chen Vertreibungen aus der Westukraine und Westweißrussland „leere Räu-
me“ [sic] geschaffen, die, von den Deutschen genutzt werden könnten. Hoff-
meyer, der die Säuberungspolitik des NKWD bewunderte, unterstrich, dass die
deutsch-sowjetische Zusammenarbeit
nur dann richtig beurteilt werden [kann], wenn auch die Vorgänge auf dem Sowjet-
territorium in ihrer ungeheuerlichen Art bekannt sind. […] Diese Vorgänge […] wer-
den […] in Kürze zu Hunger, Verelendung und kalter Beseitigung unerwünschter brei-
ter Bevölkerungsteile führen. […] Die damit bewirkte Schaffung leerer Räume kann in
anderer Weise als die deutsche Umsiedlung noch dazu beitragen, die Volkstumsgren-
zen im Osten des Interessengebietes des Reiches zu bereinigen.13
Auch für Stalin kam ein Flüchtlingsaustausch nicht ungelegen, betrieb die sow-
jetische Politik doch ebenfalls die Säuberung ihres neuen Territoriums, einer-
seits durch die von Hoffmeyer erwähnten Deportationen und andererseits
durch Abschiebungen in das Generalgouvernement. Hierfür nutzte Moskau be-
reits die gemeinsamen Umsiedlungen. „Man kann nicht sagen“, beobachtete
der deutsche Stadtkommissar in Sanok,
dass sich die Russen große Mühe gegeben haben, viele Menschen von hier fortzu-
bringen. Ihr Arbeitstempo war überaus langweilig. Oftmals gingen sie tagelang über-
haupt nicht ins Büro und ließen die Menschen dort warten. Ich hatte den Eindruck,
dass die russische Delegation Anweisungen erhalten hatte, so wenig wie möglich
Menschen aus diesem Gebiet hinauszuziehen. […] Einmal soll der Gebietsbevollmäch-
tigte habe durchblicken lassen, dass er auf Ukrainer keinen Wert lege, da sie sowohl
den Russen als auch den Deutschen Schwierigkeiten machten.14
In den ersten Wochen des Jahres 1940 wurden die Flüchtlingskommissionen
eingesetzt und die Durchführung – offenbar zum Nachteil der Deutschen – ver-
handelt. In Krakau kritisierte ein aufgebrachter Generalgouverneur Hans Frank
den „unglaublichen Benachteiligungsvertrag“, den man „uns hier trotz heftigen
Widerstandes und langen Sträubens aufgezwungen“ hat. „Wir werden“, so
Frank, „wohl 60 000 Flüchtlinge aus der Sowjetunion übernehmen müssen,
dürfen aber nur 14 000 hinüberliefern.“ Und er äußerte die Hoffnung, dass es
„gelingen [möge] […] durch rigorose Handhabung […] zu verhindern, daß die
Sowjetrussen uns nicht wieder jene Juden, Zigeuner und Polacken ins Land hin-
einlotsen, die wir mit Glück und Schläue hinausgeworfen haben.“15
Akteure des deutsch-sowjetischen Flüchtlingsaustauschs
Für den Flüchtlingsaustausch griffen beide Regime auf erfahrenes SS- und
NKWD-Personal aus den vorangegangenen Umsiedlungen zurück.
Auf deutscher Seite wurde kein Geringerer als Otto Wächter, SS-Brigadeführer
und berüchtigter Gouverneur des Distrikt Krakau, zum Vorsitzenden der „Deut-
schen Kontroll- und Durchlasskommission für Flüchtlinge aus dem Sowjetge-
biet“ ernannt. Wächter kannte sich mit dem NKWD gut aus und hatte schon im
Dezember 1939 den Besuch einer hochrangigen sowjetischen Delegation in
Krakau und Zakopane begleitet. Als sein Stellvertreter führte der Umsiedlungs-
experte Hans Flade das operative Geschäft. Das dritte maßgebliche Kommissi-
onsmitglied war der seit 1929 im Dienst des Auswärtigen Amtes (AA) stehende
Diplomat Gebhardt von Walther16 (als Verbindungsmann zum AA).
Auf der sowjetischen Seite wurden folgende NKWD-Offiziere ernannt: Für das
Gebiet der nunmehr Ukrainischen Sowjetrepublik Michail Proskurjakow. Auf
dem Gebiet der Weißrussischen Sowjetrepublik leitete der Minsker NKWD-
Offizier Sergejew die Operation.17 Der Vorsitzende der sowjetischen Flücht-
lingskommission im Generalgouvernement war W. S. Jegnarow, der als Haupt-
bevollmächtigter während der Umsiedlungen bereits im Generalgouvernement
stationiert gewesen war und Erfahrungen im Umgang mit den Deutschen be-
saß.18
Wie ging der Austausch vonstatten?
Deportation und Holocaust – Vernichtungspolitik als Verflechtungsgeschichte
Diejenigen Flüchtlinge, die sich auf sowjetischem Gebiet für den Austausch re-
gistrieren lassen wollten, wurden am Eingang zu den deutschen Büros zuerst
vom NKWD erfasst und vor die Wahl gestellt, entweder in das Generalgouver-
nement umzusiedeln oder die sowjetische Staatsbürgerschaft anzunehmen.
Dieser Aspekt ist wichtig, denn wer sich für das Generalgouvernement ent-
schied, konnte von der deutschen Kommission immer noch abgelehnt werden.
Diese wiederum galten dann aufgrund der zuvor zurückgewiesenen sowjeti-
schen Staatsbürgerschaft in den Augen des NKWD als Volksfeinde und landeten
in den meisten Fällen direkt auf Deportationslisten.19 Wie das Ende des Flücht-
lingsaustausches zeigt, standen die stalinistischen Deportationen vom Juni
1940 in einem direkten Zusammenhang mit dem deutsch-sowjetischen Flücht-
lingsaustausch.
Im April 1940 reiste Otto Wächter nach Lemberg, wo er unter anderem mit Mi-
chail Proskurjakow den Fortgang der gemeinsamen Aktion diskutierte.20 Mos-
kau kritisierte die Praxis der Deutschen, jüdische Flüchtlinge zurückzuweisen
und wollte in den Gesprächen durchsetzen, dass die Registrierungen zukünftig
direkt an den Grenzorten und nicht mehr in Städten wie Lemberg stattfinden
sollten. Die Idee dahinter war, Zurückweisungen zu erschweren, indem alle
Flüchtlinge an die Grenze verschafft wurden und nicht mehr nur diejenigen, die
fernab bereits zur Umsiedlung zugelassenen worden waren.21 Die Drohung der
Deutschen, die Registrierungen in diesem Falle abzubrechen, verpuffte, einer-
seits, weil Berlin zwar den Druck auf Moskau erhöhte, das Ende des Austau-
sches aber gar nicht wollte. Stattdessen sollte er verlangsamt werden, „bis die
Sowjetregierung einen entgegenkommenden Standpunkt“ einnahm.22
An diesem entgegenkommenden Standpunkt war Stalin zu diesem Zeitpunkt
aber gar nicht mehr interessiert. Für ihn war der Austausch ausgereizt, so dass
dessen Ende keine Drohung war, sondern ein Versprechen, zumal es den Abzug
des SS-Personals aus der Sowjetunion zum vereinbarten Zeitpunkt Mitte Mai
bedeutete. Proskurjakow informierte Wächter „unter Berufung auf Moskauer
Weisung“, dass „die Flüchtlingsaktion nicht mehr fortgesetzt werden kann“.23
Wie das Auswärtige Amt vermutete, begann die Sowjetunion „sofort nach Ab-
fahrt der Kommission“ mit dem Abtransport der Zurückgebliebenen „nach Sibi-
rien“.24 Im Juni 1940 deportierte der NKWD ungefähr 70.000 Polen und Juden,
die nicht mehr für den Austausch infrage gekommen waren, in das Landesinne-
re.
Es gehört zu den Zynismen der hier skizzierten Geschichte, dass ausgerechnet
diese Deportationen viele polnische Juden vor der Vernichtung bewahrt haben.
Historiker*nnen wie Eliyana Adler oder Markus Nesselrodt haben die vergesse-
nen Schicksale der polnischen Juden in der Sowjetunion in den vergangenen
Jahren hervorragend aufgearbeitet. Wer die unsäglichen Strapazen des Trans-
ports und die widrigen Lebensumstände in den Ankunftsorten überstand, be-
saß eine reale Chance, den Holocaust zu überleben. Diejenigen, die in das Ge-
neralgouvernement zurückgekehrt waren, besaßen diese Chance nicht.
Was wollte ich Ihnen mit dieser Geschichte zeigen?
Mein Beispiel zeigt, erstens, das heuristische Potential einer um den methodi-
schen Ansatz der Verflechtungsgeschichte erweiterten Totalitarismusfor-
schung, der es im Sinne Snyders darum ginge, ein größeres historisches Bild zu
zeichnen, nämlich das der Wechselbeziehungen zwischen den Diktaturen in der
Geschichte Europas.
Schon in den 1990er Jahren schrieb der französische Historiker François Furet
bezeichnenderweise an Ernst Nolte: „Aber niemand kann eins der beiden Lager
verstehen, wenn er nicht auch das andere berücksichtigt; so sehr hängen diese
nämlich in ihren Vorstellungen, ihren Leidenschaften und der globalen histori-
schen Realität voneinander ab.“25
Mein zweites Argument lautet, dass dieser Ansatz die hartnäckige Ost-West-
Trennungen in einer tatsächlich transnationalen europäischen Zeitgeschichte
hinterfragt. Selbstverständlich ist damit nicht gemeint, historische Unterschie-
de aufzulösen, wohl aber, die Auswirkungen totalitärer Politik in einem ge-
samteuropäischen und globalen Kontext zu betrachten.
Drittens, und damit kehre ich zu meinen Eingangsbemerkungen zurück, relati-
viert diese Verflechtungsgeschichte den Holocaust keineswegs. Ganz im Gegen-
teil, bekräftigt sie dessen Singularität, in dem sie die Unterschiede in den politi-
schen Absichten und den Gewalt- und Terrorpraktiken empirisch herausarbei-
tet.
Darüber weiß sie von der Widersprüchlichkeit, Komplexität und Tragik mensch-
licher Gewalterfahrungen zu erzählen. „Für viele der jüdischen Familien“, so
erinnerte sich der im Winter 1939/40 vierzehnjährige Meyer Megdal,
war es eine schwere Entscheidung. […] Auch wenn wir es schaffen würden, die Gren-
ze zu überqueren, zögerten meine Eltern doch, ihr gutes Heim zu verlassen und die
Familie all den Härten auszusetzen, die uns als Flüchtlinge in einer nahen russischen
Grenzstadt erwarteten. Meine Mutter erinnerte sich fortwährend an die deutschen
Frontsoldaten [im Ersten Weltkrieg]… Niemand von uns konnte sich zu dieser Zeit das
folgende Leid der Juden vorstellen[…].26
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
1 Nicholas Shakespeare, Daniel Libeskind Interview: Childhood Bullies, Nazi Germany and the Jewish Museum
He Built. In: Newsweek 10.04.2015, https://www.newsweek.com/2015/04/17/daniel-libeskind-talks-about-
his-childhood-bullies-nazi-germany-and-jewish-321345.html (26. Oktober 2025).
2 Ebenda.
3 Claus Leggewie (zus. mit Anne Lang), Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besich-
tigt, München 2011.
4 Bernhard H. Bayerlein, „Der Verräter, Stalin, bist Du!“ Vom Ende der linken Solidarität. Komintern und kom-
munistische Parteien im Zweiten Weltkrieg, Berlin 2008, S. 28.
5 Bayerlein, 2008, S. 277ff
6 Ebenda, S. 279.
7 Amilcare Rossi (Angelo Tasca), The Russo-German Alliance. August 1939-Juni 1941, London 1950, S. 118ff.
8 Kurt Pätzold/Günter Rosenfeld (Hg.), Sowjetstern und Hakenkreuz 1938–1941. Dokumente zu den deutsch-
sowjetischen Beziehungen, Berlin 1990, S. 297.
9 US Congress, House of Represntatives, Report of the Select Commitee to Investigate Communist Agression
and the Forced Incorporation of the Baltic States into the U.S.S.R. Third and Fourth Interim Reports. 83rd Con-
gress, 2d session, Washington D.C. 1954, S. 459, zitiert nach: Donal O´Sullivan, Stalins „Cordon Sanitaire“. Die
sowjetische Osteuropapolitik und die Reaktionen des Westens 1939-1949, Paderborn 2003, S. 102
10 PA AA, R 104387, Bericht Nr. 17 des Vertreters des Auswärtigen Amtes bei der deutschen Umsiedlungskom-
mission Wolfgang von Welck an das AA vom 18.°Januar 1940.
11 PA AA, R 104387, Bericht Nr. 17 des Vertreters des Auswärtigen Amtes bei der deutschen Umsiedlungskom-
mission Wolfgang von Welck an das AA vom 18.°Januar 1940.
12 Protokolle der Amtschefbesprechungen im RSHA vom 7. September bis 14. Oktober 1939. In: SD-
Hauptamt/Stabskanzlei, Institut für Zeitgeschichte München, MA 433, S. 8498ff, zitiert nach: Seev Goshen,
Eichmann und die Nisko-Aktion im Oktober 1939. Eine Fallstudie zur NS-Judenpolitik in der letzten Etappe vor
der „Endlösung“. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 1/1981, S. 74-96, hier S. 80.
13 Bundesarchiv Berlin, R 59/311, Volksdeutsche Mittelstelle, Blatt 11, 12. Treffen am 27. Januar 1940 in Krakau
in den Diensträumen des Höheren SS und Polizeiführers für das Generalgouvernement Krüger, Bericht vom 28.Januar 1940, Blatt 8-19
14 Bundesarchiv Berlin, R 59/311, Volksdeutsche Mittelstelle, Blatt 47. Bericht des Stadtkommissars von Sanok
an den Gouverneur des Distrikts Krakau vom 29. Februar 1940.
15 Werner Präg/Wolfgang Jacobmeyer (Hg.), Das Diensttagebuch des deutschen Generalgouverneurs in Polen.
1939-1945, Stuttgart 1975, S. 93. Detaillierte Darstellung der zahlreichen Bevölkerungsverschiebungen und
der Überforderung des Generalgouvernements. Laut „Fernplan“ sollten ca. 600.000 Personen in das General-
gouvernement abgeschoben werden.
16 Gebhardt von Walther wurde im Jahr 1959 deutscher Botschafter bei der NATO.
17 Michail Iwanowitsch Proskurjakow stand seit 1924 im Dienst des NKWD und war nach 1941 Mitarbeiter des
Militärgeheimdienstes Smersch. Siehe: Federal´naja služba bezopasnosti Rossii (Hg.), Organy gosudarstvennoj
bezopasnosti SSSR v Velikoj Otečestvennoj Vojne. Sbornik dokumentov, Tom 5, kniga 1, Moskva 2007, S. 200.
18 PA AA, R 104387, Schreiben des Beauftragten des Auswärtigen Amtes bei der Deutschen Kontroll- und Durch-
lasskommission für die Aufnahme von Flüchtlingen (Walther) an das Auswärtige Amt aus Lemberg (Lwów),
19.April 1940.
19 Ebenda, Bericht (2) des Beauftragten des Auswärtigen Amtes bei der Deutschen Kontroll- und Durchlass-
kommission für die Aufnahme von Flüchtlingen an das Auswärtige Amt vom 28. April 1940.
20 Ebenda.
21 PA AA, R 104387, Bericht (2) des Beauftragten des Auswärtigen Amtes bei der Deutschen Kontroll- und
Durchlasskommission für die Aufnahme von Flüchtlingen an das Auswärtige Amt vom 28. April 1940.
22 Ebenda, Bericht des Auswärtigen Amtes (Wilhelm Großkopf) vom 15. Mai 1940.
23 Ebenda, Fernmündliche Mitteilung von Distriktgouverneur Otto Wächter an den VLR (Vortragenden Legati-
onsrat) Schliep im AA vom 18. Mai 1940.
24 Ebenda, AA-Bericht über die Fragen der Restumsiedlung im Rahmen der Flüchtlingsaustauschaktion aus dem
durch die Sowjetunion besetzten Gebieten Polens vom 17. Mai 1940.
25 François Furet/Ernst Nolte, „Feindliche Nähe“. Kommunismus und Faschismus im 20. Jahrhundert. Ein Brief-
wechsel, München 1999, S. 32. Der von Ernst Nolte verfochtene „kausale Nexus“ behauptet, dass der Natio-
nalsozialismus und der Holocaust als Reaktion auf die bolschewistische Oktoberrevolution und den Stalinis-
mus waren. Siehe Snyders Einleitung in: Timothy Snyder, Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin,
München 2011; Michael David-Fox/Peter Holquist/Alexander M. Martin, Fascination and Enmity. Russia and
Germany as Entangled Histories, 1914-45, Pittsburgh 2012 / Kritika: Explorations in Russian and Eurasian His-
tory 10 /2009, hier ebenfalls insbesondere Vorwort der Herausgeber, Entangled Histories in the Age of
Extremes. In: Ebenda, S. 415-422.

