Am 13. März 1954 wurde einer der gefürchtetsten Geheimdienste der Welt gegründet: das Komitee für Staatssicherheit. Trotz seiner offiziellen Auflösung 1991 ist das Erbe des KGB immer noch spürbar.
Lukas Ossenkopp in Uckermarkkurier am 13.03.2024
MoskauDas Komitee für Staatssicherheit galt als einer der gefürchtetsten Geheimdienste der Welt. Heute vor 70 Jahren, am 13. März 1954, nahm der KGB seine Arbeit auf. Seine Angestellten unterstanden direkt der Staatsregierung, dem Ministerrat der UdSSR. Somit mussten sie keine Rechenschaft vor anderen Ministerien ablegen. Die absolut linientreuen Funktionäre des KGB verstanden sich als „Schild und Schwert“ der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU).
Ihre Aktionen koordinierte die Behörde von ihrer Moskauer Zentrale aus, der Lubjanka. Unter dem Dach des enormen Baus im neobarocken Stil vom Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen holzvertäfelten Arbeitszimmern waren sämtliche 14 Hauptverwaltungen des Geheimdienstes zusammengefasst. Die „Auslandsaufklärung“, die Informationen über den „Klassenfeind“ sammelte und die Durchführung von Spezialoperationen überwachte, sowie die „Spionageabwehr“, die für den Schutz vor ausländischen Schlapphüten zuständig war, hatten unter den Abteilungen einen erhöhten Stellenwert.
Zur Sicherung der Position der KPdSU war die „politische Polizei“ mit der Unterdrückung und Verfolgung von tatsächlichen und vermeintlichen Gegnern des Regimes betraut. In den düsteren Kellern des Dienstsitzes war sogar ein Gefängnis des KGB. Dort wurden politische Dissidenten von Agenten ohne Skrupel in die Mangel genommen und zu Pseudo-Geständnissen genötigt.
Die restlichen Verwaltungen der Behörde waren unter anderem für die Überwachung des Militärs, den Schutz vor Industriespionage, das Abhören des Fernmeldewesens und den Personenschutz von hochrangigen Parteifunktionären zuständig. Diese Aufgabenfülle machte den KGB neben dem Militär zu einer der einflussreichsten Institutionen im Machtapparat der Sowjetunion.
Nach dem Vorbild der Geheimpolizei Tscheka
Das solide Fundament für diese unangefochtene Stellung legten bereits die Bolschewisten im Dezember 1917. Nach ihrem Putsch versuchten sie unter der Führung von Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) alles, um in den Wirren des russischen Bürgerkriegs an der Macht zu bleiben. So gründete Feliks Dzier?y?ski (1877-1926), dessen Statue noch lange vor der Zentrale des KGB stand, die Geheimpolizei Tscheka. Zur Stabilisierung des kommunistischen Regimes schreckte sie auch vor zehntausendfachen politischen Morden nicht zurück.
In den folgenden Jahren wurde die Organisation mehrmals umbenannt und umstrukturiert, doch ihr Ziel blieb unverändert: die Absicherung der Einparteienherrschaft der KPdSU. Die Traditionslinie verdichtete sich sogar im Sprachgebrauch, so wurden die Mitglieder des KGB im Volksmund als „Tschekisten“ bezeichnet.
Auch nach der Terrorherrschaft von Josef Stalin standen in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre Verhaftungen von Andersdenkenden und politischen Gegnern in der Sowjetunion auf der Tagesordnung. Unter dem Vorwurf von „antisowjetischer Agitation und Propaganda” wurden zahlreiche Regimegegner aus dem Verkehr gezogen und interniert.
Beeinflussung der „Objekte“ durch informellen Druck
Da trotz des harten Vorgehens Aufstände gegen die Partei nicht gänzlich zu verhindern waren, wie im Jahr 1962 in der Fabrik für Elektrolokomotiven in Nowotscherkassk, änderte der KGB seine Vorgehensweise. Nun sollte die Beeinflussung der Bürger und Bürgerinnen, die im Geheimdienstjargon nur als „Objekte“ bezeichnet wurden, durch informellen Druck geschehen. Dabei erhofften sich die Agenten, jegliches Aufbegehren gegen das System bereits im Keim zu ersticken.
Obwohl der KGB die eigene Bevölkerung unterdrückte, genoss die Organisation hohes Ansehen. Eine Ausbildung beim Geheimdienst war für viele junge regimetreue Sowjetbürger sehr verlockend, denn neben einer üppigen Entlohnung eröffnete sie Wege in die höheren Kreise des Parteiapparats.
Auch im Ausland agierten die Agenten mit äußerster Härte. Giftattentate, Mordanschläge und Entführungen gehörten zum Repertoire der Spione. 1964 wurde ein unabhängiger Gutachter vergiftet, als er die Botschaft der Bundesrepublik in Moskau auf Abhörwanzen untersuchen sollte. Ende der 1970er-Jahre töteten Spezialkräfte des KGB den afghanischen Präsidenten Hafizullah Amin in seinem Palast in Kabul.
Ebenfalls hatte der KGB stets ein wachsames Auge auf die „sowjetischen Bruderstaaten“. Obwohl ihnen offiziell die geheimdienstliche Unabhängigkeit zugesichert war, überwachten beispielsweise die russischen Agenten die Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR. Besonders über die Westpolitik der SED-Führung wollte der „große Bruder“ stets aus seinen eigenen Quellen informiert werden.
Archive der Lubjanka weiterhin fest verschlossen
Erst kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion bröckelte die Machtbasis des KGB und die Organisation wurde im Dezember 1991 offiziell aufgelöst. Doch alte gewiefte Kader schafften es, sich auch in der Russischen Föderation zu etablieren. Schließlich war auch das erste demokratisch gewählte Staatsoberhaupt Boris Jelzin auf einen funktionierenden Geheimdienst angewiesen. So konnten im neuen Inlandsgeheimdienst „Föderaler Dienst für Sicherheit der Russischen Föderation“ (FSB), dem Auslandsgeheimdienst SWR und dem Militärgeheimdienst GRU (heute GU) zahlreiche Funktionäre unbehelligt weiter operieren.
Auch nach der formellen Umstrukturierung blieb die Aufarbeitung der unzähligen verbrecherischen Maßnahmen des KGB im Dunkeln, obwohl die Gesellschaft ein erhebliches Interesse daran hätte. Auf ihrem personellen Zenit arbeiteten immerhin rund 480.000 Agenten für den sowjetischen Geheimdienst. Viele Familien in Russland könnten Opfer- oder Tätergeschichten erzählen.
Doch bleiben die Archive der Lubjanka fest verschlossen, auch ehemals Betroffenen wird keine Einsicht in die Akten gewährt. Kaum verwunderlich, denn an der Spitze des Staates steht ein Mann, der früher selbst für den KGB gearbeitet hat. Wladimir Putin war einst als Agent in Dresden stationiert und leitete später den Inlandsgeheimdienst FSB. Nach seinem Aufstieg zum Präsidenten 1999 hatte er seine ehemaligen Weggefährten nicht vergessen. So hievte der Machthaber einige seiner engsten Begleiter in Schlüsselpositionen von Militär, Regierung und wichtigen Behörden.
Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine hat sich der Einfluss der Geheimdienste nochmals erhöht, dabei greifen die Mitarbeiter auf bewährte Methoden aus der Sowjetzeit zurück. Dr. Manfred Sapper, Politikwissenschaftler und Chefradakteur der Zeitschrift „Osteuropa“, resümiert: „Mit dem geheimdienstlichen Mittel der Desinformation werden kritische Wissenschaftler eingeschüchtert, Oppositionspolitiker werden mit dem Stempel ,Volksgegner‘ oder ,Landesverräter‘ diskreditiert und unabhängige Medien oder NGOs als ,ausländische Agenten‘ gebrandmarkt.”

