Phönix aus der Asche: Von der Kraft europäischer Erinnerungen an Stalinismus und Nationalsozialismus

Vortrag von Karl-Konrad Tschäpe am 23. August 2017

Phönix aus der Asche: Von der Kraft europäischer Erinnerungen an Stalinismus und Nationalsozialismus – so lautet der Titel meines Vortrags heute. Und wir haben uns heute versammelt am Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus. Es geht also um die Erinnerung an größtes Unglück, und immer wieder wird gefragt, warum wir diese Erinnerungen immer noch wachhalten, warum wir uns das antun, warum wir uns das zumuten. Ich selber arbeite in Frankfurt an der Oder in der Gedenk- und Dokumentationsstätte „Opfer politischer Gewaltherrschaft“, einem Ort, an dem bereits zu NS-Zeit Menschen aus politischen Gründen inhaftiert waren und misshandelt wurden, in dem nach 1945 laut Aktenbefunden über 1.200 Menschen gleichzeitig in einem Haus eingepfercht gewesen sein müssen, das für 130 Personen ausgelegt war – allerdings möglicherweise unter Einbeziehung der benachbarten Kirchen – und in dem nachweislich über 100 Personen nach Urteilen Sowjetischer Militärtribunale erschossen wurden. Eine große Gruppe weiterer Personen passierte das Gefängnis auf dem Weg zur Erschießung in der Sowjetunion: Das meiste der Geschichte des Hauses zwischen 1945 und 1950 liegt jedoch im Dunkeln und harrt weiterer Erforschung. Im Unterschied zu den Gedenkstätten in der Leistikow- und Lindenstraße in Potsdam haben wir für Frankfurt kaum einen einzigen Zeitzeugenbericht aus diesem Zeitkontext, also keinen Bodo Platt, keinen Horst Schüler, Gerd Utech,– um nur einige wenige stellvertretend zu nennen, auch keine Interviewsammlung wie die, die in den Band „Von Potsdam nach Workuta“ eingegangen ist; was wir über das Frankfurter Gefängnis unter sowjetischem Regime wissen, stammt aus den Akten russischer Archive, und es spiegelt somit ausschließlich die Sicht der Verfolger wider. Was wir haben, ist eine Ausstellung und einiges Wissen über die Rückkehrer aus der Sowjetunion, über die etwa 1,8 Millionen deutschen Soldaten und Zivilisten, die allein zwischen 1945 und 1950 in Frankfurt Ihre Freiheit aus sowjetischer Lagerhaft zurückerhielten und in ihren Erinnerungen die Stadt häufig erwähnen als ersten Punkt auf deutschem Boden nach Jahren des Hungers, der Krankheit, häufig schwerster körperlicher Arbeit, härtester Entbehrungen: Auch in den Erinnerungen einiger derjenigen, die in diesem Gefängnis ihren Leidensweg begannen, findet Frankfurt entsprechend Erwähnung, wenn auch hier schon aus späterer Zeit.
Der Anlass unserer Begegnung heute ist ein sehr ernster, und so werde ich Ihnen am heutigen Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus zunächst einiges zumuten.
Die Zumutung eines Tages wie diesem liegt darin, dass wir uns freiwillig Unglück vergegenwärtigen. Wie hatte noch Friedrich Nietzsche vom Glück geschrieben in seiner zweiten unzeitgemäßen Betrachtung, die den Titel trägt „vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“? Er beschreibt es wie folgt in einem Bild, einige von Ihnen kennen es wahrscheinlich: „Betrachte die Herde, die an dir vorüberweidet: sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frisst, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig. Dies zu sehen geht dem Menschen hart ein, weil er seines Menschentums sich vor dem Tiere brüstet und doch nach seinem Glücke eifersüchtig hinblickt – denn das will er allein, gleich dem Tiere weder überdrüssig noch unter Schmerzen leben, und er will es doch vergebens, weil er es nicht will wie das Tier. Der Mensch fragt wohl einmal das Tier: warum redest du mir nicht von deinem Glücke und siehst mich nur an? Das Tier will auch antworten und sagen: das kommt daher, dass ich immer gleich vergesse, was ich sagen wollte – da vergaß es aber auch schon diese Antwort und schwieg: so das der Mensch sich darob verwunderte.“

Ganz offensichtlich haben wir, ganz besonders an einem Tag wie diesem, auf den Wunsch verzichtet, „weder überdrüssig noch unter Schmerzen“ leben zu wollen. Wir haben uns für etwas anderes entschieden: Ein Leben in Würde. Aber sind wir auch bereit, die ganze Härte der Erinnerung an die Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus auf uns zu nehmen? Es ist dies eine nicht enden wollende Geschichte dunkelster Extremfälle menschlicher Niedertracht und Verstrickung in das Übel.
Einer dieser Extremfälle ist das Beispiel eines deutschen Polizeibataillons aus Hamburg, das Christopher Browning in seiner Studie „Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die ‚Endlösung‘ in Polen“ untersucht hat. Er beschreibt, wie die Männer dieses Bataillons – es sind etwa 500 Mann – eines Morgens in die ostpolnischen Ortschaft Jósefów gebracht werden und von ihrem Kommandeur Major Trapp, denn sie liebevoll „Papa Trapp“ nennen, in eine außergewöhnliche Situation gebracht werden. Browning beschreibt anhand von späteren Zeugenaussagen diese Situation wie folgt: „Trapp war bleich und nervös, hatte Tränen in den Augen und kämpfte beim Reden sichtlich darum, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Das Bataillon stehe vor einer furchtbar unangenehmen Aufgabe, erklärte er mit tränenerstickter Stimme. Ihm selbst gefalle der Auftrag ganz und gar nicht, die ganze Sache sei höchst bedauerlich, aber der Befehl dazu komme von ganz oben. Vielleicht werde ihnen [gemeint sind die Polizisten, KKT] die Ausführung leichter fallen, wenn sie an den Bombenhagel dächten, der in Deutschland auf Frauen und Kinder niedergehe.“ Dann führt er weitere Begründungen für etwas auf, das niemals begründbar sein kann, er nennt den amerikanischen Boykott, der von Juden gegen das Deutsche Reich angezettelt worden sei oder Partisanenaktionen, in welche die Juden angeblich verstrickt seien. Das Bataillon habe nun den Befehl, die Juden aus der Ortschaft zusammenzutreiben, die Männer im arbeitsfähigen Alter auszusondern und in ein Arbeitslager zu verbringen. Alle übrigen – Frauen, Kinder und ältere Männer – seien vom Polizeibataillon auf der Stelle zu erschießen. Schließlich bietet Trapp – übrigens im Gegensatz zu anderen Kommandeuren – auch noch denjenigen an, die sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlten, sich an der Aktion nicht zu beteiligen, ein Angebot, das in unterschiedlichen Phasen der Mordaktion dann auch von einigen Männern wahrgenommen wird, wobei diese dann damit riskieren, vor ihren Kameraden als weich, feige, als Drückeberger zu erscheinen.
Während viele von uns bei dem Wort „Holocaust“ automatisch an Auschwitz denken, ist das, was auf die Ansprache Trapps folgt, das eher „Typische“ für den Mord an den europäischen Juden. Die meisten Opfer des deutschen Judenmords wurden in der Nähe der Orte erschossen, in denen sie wohnten – während ein geringerer Teil der Opfer in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern vergast wurde.
Die Polizeimänner wurden in das Judenviertel von Jósefóf geschickt, um die Bewohner zusammenzutreiben. Nicht Transportfähige wurden sofort ermordet: „Schreie und Schüsse erfüllten die Luft“, heißt es bei Browning. Nun erhalten die Polizisten der 1. Kompanie vom Bataillonsarzt eine Lektion. Ein Beteiligter sagt dazu aus: „Er hat uns sogar noch genau erklären müssen, wie wir zu schießen haben, um den sofortigen Tod des Opfers herbeizuführen.“ Dabei wird das Schema eines menschlichen Körpers aufgezeichnet und darauf der Punkt markiert, „auf dem das aufgepflanzte Seitengewehr als Hilfszielmittel angesetzt werden sollte.“ Noch ehe die arbeitsfähigen jüdischen Männer in ein Arbeitslager abmarschieren, hören sie Schüsse aus dem nahegelegenen Wald. „Nach den ersten Salven [entstand] unter diesen Handwerkern eine erhebliche Unruhe [und] etliche Männer [warfen sich] weinend auf die Erde. […] Ihnen dürfte zu diesem Zeitpunkt klar geworden sein, dass ihre zurückgebliebenen Familienangehörigen erschossen wurden.“ – so die Aussage eines damals Beteiligten, mehrere weitere Polizisten erwähnen diese furchtbare, von Schreien erfüllte Szene ebenfalls. Tatsächlich werden die Zusammengetriebenen Frauen, Kinder und Alten nun in Gruppen von 30-40 Personen auf LKWs verfrachtet, in den Wald gebracht. Auf dem Weg unterhalten sich einige der Polizisten noch mit ihren Opfern, stellen fest, dass einige nicht nur deutsch sprechen, sondern Deutsche sind. Vergeblich bittet ein älterer Mann aus Bremen einen Polizisten um Verschonung, zeigt ihm seinen Orden aus dem Ersten Weltkrieg. Im Wald müssen sich die Juden gruppenweise hinlegen und werden von einer ebensogroßen Zahl Polizisten der Anleitung des Arztes entsprechend erschossen. Bis zum Einbruch der Dunkelheit dauert der Mord an. Noch verstörender ist die Lektüre über die Erschießungsaktion, die die zweite Kompanie an diesem Tag durchführt, denn sie erhielt im Gegensatz zur ersten Kompanie keine ärztliche Anleitung zum Mord. Entsprechend schossen sie ohne aufgepflanzte Bajonette als Zielhilfe. Ein damals Beteiligter sagt aus: „Zuerst wurde stehend freihändig erschossen. Wenn man zu hoch hielt, sprang die ganze Schädeldecke ab. Das hatte zur Folge, dass Gehirnteile und auch Knochen in der Gegend umherflogen.“ Daraufhin wurden auch hier Bajonette als Zielhilfe verwendet. Doch wiederum heißt es: „Fehlschüsse waren nun [zwar] weitgehendst vermieden, es trat aber eine andere schreckliche Folge ein. Durch den dadurch bedingten Nahschuss traf das Geschoss mit derartiger Rasanz den Schädel des Opfers, dass oftmals der Schädel oder die ganze hintere Schädeldecke abgerissen wurde und nun Blut, Knochensplitter und Gehirnmasse durch die Gegend spritzten und die Schützen beschmutzten.“ Einige der Polizisten finden offenbar gerade an dieser Wirkung Gefallen und schießen absichtlich so in die Schädel der Opfer, dass sie bersten, so jedenfalls nehmen es einige ebenfalls an den Erschießungen Beteiligte wahr. Als die Mordaktion am späten Abend mit der Erschießung der letzten Opfer beendet ist, verlassen die Polizisten den Wald und lassen die Leichen unbeerdigt zurück, denn niemand hatte sich zuvor darüber Gedanken gemacht, wie so viele Menschen bestattet werden sollten. Als die Männer schließlich abends zurück in ihre Unterkünfte in der etwa 30 km von Jósefów entfernten Stadt kommen, waren sie, wie Browning ermittelt hat, „bedrückt, empört, verbittert und erschüttert. Sie aßen wenig und tranken viel. Es wurde reichlich Alkohol ausgegeben, und viele Polizisten betranken sich ziemlich stark. Major Trapp ging herum und versuchte, seine Männer zu trösten und wieder aufzubauen, wobei er betonte, dass höhere Stellen die Verantwortung hätten. Doch vielen Polizisten konnten weder der Alkohol noch Trapps tröstende Worte das Entsetzen und die Scham nehmen, die sie empfanden. Trapp bat die Männer, nicht darüber zu reden, aber dieser Bitte hätte es gar nicht bedurft. Die Polizisten, die nicht im Wald waren, wollten keine Einzelheiten hören, und diejenigen, die selbst mit dabeigewesen waren, hatten weder damals noch später den Wunsch, darüber zu reden.“ Browning betont, dass „Praktisch alle Bataillonsangehörigen – selbst die, die sich den ganzen Tag über an den Erschießungen beteiligt hatten – … über das, was man ihnen in Józefów abverlangt hatte, empört und verbittert“ waren, wobei er die erfolgte „Demoralisierung“ „auf das Entsetzliche des Tötungsverfahrens selbst“ zurückführt. In der Folge wird das Tötungsverfahren entsprechend rationalisiert – auch der Bau der Todesfabriken erfolgt unter diesem Zeichen – für folgende Erschießungen werden nun Hilfswillige aus der Ukraine aus den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern rekrutiert, welche unter starkem Alkoholeinfluss einen erheblichen Teil der Drecksarbeit zu erledigen haben. So bei der nächsten Mordaktion in der polnischen Ortschaft ?omaszy, die sie unter Befehl des deutschen Oberleutnants Gnade und eines SS-Offiziers durchführen. Browning beschreibt sie anhand von Zeugenaussagen der damals Beteiligten so: „Die Juden wurden gezwungen, in kleinen Gruppen durch ein lichtes Spalier von Wachposten die etwa 30 bis 50 Meter von den Entkleidungsstellen zum Grab zu laufen. Auf drei Seiten der Grube war die Erde zu Wällen aufgeworfen worden, während die vierte eine leichte Böschung bildete, die die Juden hinuntergetrieben wurden. Betrunken und aufgeregt wie die ‚Hilfswilligen‘ waren, erschossen sie die Juden anfangs gleich am Eingang der Grube. ‚Das hatte zur Folge, dass die ersten toten Juden den Einstieg versperrten. So gingen dann einige Juden in die Grube hinein und zogen die Leichen vom Einstieg weg. Alsbald wurden die Juden in größeren Mengen in die Grube hineingetrieben, und die Hiwis hatten nun Aufstellung auf den aufgeworfenen Wällen genommen. Von dort aus erschossen sie die Opfer.‘ Mit jedem neuen Schuss füllte sich die Grube weiter. ‚Die nachfolgenden Juden mussten nun selbst auf die zuvor Erschossenen steigen, bzw. später sogar klettern, da die Leichen innerhalb der Grube fast bis zum Grubenrand aufgetürmt waren.‘
Die ‚Hilfswilligen‘, die in vielen Fällen mit der Flasche in der Hand dastanden, wurden genau wie [Oberleutnant] Gnade und der SS-Offizier immer betrunkener. ‚Während Gnade mit seiner Pistole vom Erdwall aus schoss, wobei er mehrmals Gefahr lief, in die Grube zu stürzen, war der SS-Offizier genau wie die Hiwis in die Grube hineingegangen und schoss von hier aus, da er sich infolge der Trunkenheit nicht mehr auf dem Wall gehalten hätte.‘ In der Grube stieg das mit Blut vermischte Grundwasser bald soweit an, dass es den ‚Hilfswilligen‘ bis über die Knie reichte. Mit zunehmender Trunkenheit fielen die Schützen, einer nach dem anderen, aus.“ Daraufhin müssen sich nun doch auch weitere deutsche Polizisten an der Mordaktion beteiligen. In der Grube steht das Grundwasser allerdings einen halben Meter hoch, darin „schwammen im ganzen Grubenbereich Leichen umher“. Als schließlich auch hier der letzte Jude ermordet ist, erhält der polnische Bürgermeister den Auftrag, sich um die Beerdigung der Opfer zu kümmern.
Was ich Ihnen hier vorgetragen habe, ist wie mit dem Mikroskop auf die Geschichte von Gewalt und Massenmord in Europa gesehen. Es historisch einzigartig, aber es ist nicht in jeder Hinsicht präzedenzlos. Und auf andere Weise einzigartig ist das, was sich freilich in einem anderen historischen – also zeitlichen, ideellen und räumlichen – Kontext in den Jahren 1937/38 bei Moskau auf dem butovskij poligon, also auf dem Schießplatz Butowo ereignet und das Karl Schlögel in seiner Arbeit „Terror und Traum, Moskau 1937“ beschreibt. Dorthin waren am 8. August 1937 die ersten 91 Delinquenten aus Moskauer Gefängnissen zur Erschießung gebracht worden, die letzten 52 Opfer am 19. Oktober 1938. 20.761 Personen verloren in den nur 15 Monaten, die zwischen diesen Daten liegen, an dieser Stelle ihr Leben. Kaum einer von ihnen wusste, aus welchen Gründen er verhaftet worden war, geschweige denn, weshalb man ihn zum Tode verurteilt hatte. Karl Schlögel schreibt: „Die Menschen, deren Körper nach dem Schuss in den Hinterkopf in die ausgehobenen Gräben fielen, und von einem eigens angeschafften Bagger Marke ‚Komsomolez‘ zugeschüttet wurden, kamen aus allen Schichten des Volkes, aus allen Regionen der Sowjetunion, es waren die Bürger zahlreicher ausländischer Staaten darunter, alle Konfessionen waren vertreten. Unter den Ermordeten waren die Angehörigen der alten vorrevolutionären Elite ebenso wie Mitglieder der alten bolschewistischen Garde. Namenlose wurden ebenso verscharrt wie einst prominente Persönlichkeiten: Generäle, Sportler, Piloten, Künstler. Butowo wurde zum Massengrab für Tausende, die nur deshalb erschossen wurden, weil sie einer bestimmten Nationalität angehörten. Und viele fanden den Tod in Butowo, obwohl sie keiner der gesuchten und der Verfolgung ausgesetzten Kategorien angehörten und nur deshalb, weil die Richtzahl der zur Tötung Freigegebenen von den staatlichen Terrororganisationen noch nicht erfüllt war. Es genügte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, um in das Räderwerk des Großen Terrors zu geraten.“ Tatsächlich existierte allein für das Moskauer Gebiet anfangs eine Quote von 5000 Menschen, die nach „Höchstmaß der Strafe“ – also zum Tode – zu verurteilen waren, weitere 30.000 sollten entsprechend zu Lagerhaft verurteilt werden. Doch der Große Terror findet bei weitem nicht nur in Moskau, sondern in der gesamten Sowjetunion statt, er wird 1,5 Millionen Opfer fordern, von denen etwa 700.000 ermordet werden. Butowo war also, wie Schlögel schreibt, „nur ein Punkt in einem Netzwerk, das der Aussonderung, Festsetzung, Einschließung, Verschickung und Tötung diente.“ Ein ehemaliger NKWD-Mitarbeiter sagt hierzu nach der Perestroika: „Man verhaftete und erschoss ganze Familien, unter denen vollständig analphabetische Frauen, Minderjährige und sogar Schwangere waren, und alle hat man als Spione erschossen … allein deshalb, weil sie ‚Nationale‘ waren“, also einer bestimmten Nation angehörten. Methoden werden entwickelt, um die Verhaftungen und Erschießungen nach Quote effektiver zu gestalten, die berüchtigte „Album-Methode“ etwa; zwischen den Verantwortlichen entspannen sich Wettbewerbe um die Erfüllung der Vorgaben zur Zerstörung von Biographien und Menschenleben – die Untersuchung von Fällen und Vorwürfen wird buchstäblich im Minutentakt erledigt.
Es finden sich auch Zeugenaussagen zu den Erschießungen in Butowo. In den 1990er Jahren beschreibt sie der ehemalige Kommandant der Wirtschaftsabteilung des Moskauer NKWD wie folgt – und ich gebe Ihnen hier ein längeres Zitat wider, das ich wieder Karl Schlögels „Terror und Traum“ entnehme –: „Die Menschen die zur Erschießungen verurteilt worden waren, bringt man nach Butowo, ohne ihnen mitzuteilen, weswegen und wohin. Das wurde mit Bedacht so gemacht, um überflüssige Komplikationen zu vermeiden. Die avtosaki – also die Gefangenentransporter –, in denen man bis zu 50 Menschen untergebracht hatte, fuhren zum Schießplatz von der Seite des Waldes heran gegen 1 bis 2 Uhr nachts. … Die Zone war mit Stacheldraht eingezäunt. Dort, wo die Autos anhielten, befand sich eine Erhöhung für die Wache und für den Scheinwerfer, der an den Bäumen befestigt war. Nicht weit davon waren zwei Gebäude zu sehen: ein nicht großes steinernes Haus und eine sehr lange, an die 80 Meter lange Holzbaracke. Man führte die Menschen in die Baracke gleichsam zur sanobrabotka, zur Hygienebehandlung. Unmittelbar vor der Erschießung wurde das Urteil mitgeteilt, die Daten überprüft. Dies wurde sehr sorgfältig gemacht. Naben den Akten für die Ausführung der Urteile gibt es in den Dokumenten Auskunftsberichte, die genaue Angaben zu Geburtsort oder Namen des Verurteilten verlangen.
Und bei dem Tempo, mit dem damals die Untersuchungen durchgeführt worden sind, darf man sich nicht wundern, dass es in Butowo vorkam, dass man anstelle des einen dessen Bruder hingerichtet hat. Eine Hinrichtung konnte aufgeschoben werden, wenn sich herausstellte, dass ein Photo fehlte, mit dem die Identität eines Verurteilten zu beweisen war. In all diesen Fällen wurde die Ausführung des Urteils aufgeschoben, und man schickte die Leute ins Gefängnis zurück. Diese Penibilität am Exekutionsort wirkte sich manchmal zugunsten der Menschen aus, doch Fälle der Aufhebung eines Todesurteils waren äußerst selten; gewöhnlich wurde nach der Klärung des Missverständnisses der Betreffende auf den Schießplatz zur Exekution zurückgebracht. Es kam auch vor, dass allen Kontrollen zum Trotz Irrtümer unterliefen; man erschoss aus Versehen jene, die die nur zu Lagerhaft, nicht aber zum Tode verurteilt worden waren, und umgekehrt. In diesem letzteren Fall bestand noch die Möglichkeit einer Korrektur des Fehlers, im ersten Fall natürlich nicht mehr. Es kam aber auch Folgendes vor: Eine in den 1950er Jahren als erschossen registrierte Person meldete sich plötzlich und schrieb eigenhändig ein Gesuch zu ihrer Rehabilitierung. Dies bedeutet, dass in den Jahren 1937-1938 ein anderer irrtümlich an ihrer Stelle erschossen worden war. …
Man führte die Verurteilten einzeln aus dem Barackengebäude. Dort erschienen die Exekutoren, die sie in Empfang nahmen und sie – jeder mit seinem Opfer – nach hinten zum Graben auf dem Schießplatz führte. Am Rand des Grabens schossen sie aus unmittelbarer Nähe in den Hinterkopf. Die Körper der Erschossenen warfen sie in den Graben und bedeckten den Boden des tiefen Grabens. Mit dem ‚Aufräumen‘ der Leichen beschäftigten sich speziell dafür eingeteilte Mitarbeiter des NKWD.
Pro Tag erschoss man selten weniger als 100 Menschen. Es gab auch 300 und 400 und mehr als 500. … Die Vollstrecker des Todesurteils benutzten ihre eigene Waffe, die sie meistens im Bürgerkrieg erworben hatten; gewöhnlich war dies eine Pistole vom Typ ‚Nagant‘, die sie für die genaueste, am einfachsten zu bedienende und störungsärmste hielten. Bei den Erschießungen sollten Ärzte und ein Staatsanwalt anwesend sein, doch wie wir aus den Geständnissen der Vollstreckungsbeamten selbst wissen, wurde dies bei weitem nicht immer beachtet. An den Erschießungstagen stand für alle Exekutionsteilnehmer in der Wache ein Eimer mit Wodka bereit, aus dem sich jeder nehmen konnte, so viel er wollte (ja und wie sollte man eine solche Arbeit ausführen, ohne sich zu betäuben?!). An der Seite stand noch ein Gefäß mit Eau de Cologne, da die Ausführenden schon von weitem nach Blut und Pulver rochen. Nach ihrem eigenen Geständnis waren ‚sogar die Hunde vor ihnen zurückgeschreckt‘.“
Anschließend wurde alles sorgsam dokumentiert. „In der Kommandantur haben die Vollstreckungsbeamten die Formulare handschriftlich ausgefüllt und ihre Unterschrift unter den Akt über die Urteilsvollstreckung gesetzt. Nach allen notwendigen Formalitäten gab es Mittagessen, danach fuhr man die Ausführenden, die gewöhnlich höllisch betrunken waren, nach Moskau. Abends kam jemand von den Leuten am Ort, der mit einem Bulldozer, der für diese Zwecke am Schießplatz stand, die Leichen mit einer dünnen Erdschicht zudeckte. Am nächsten Tag wiederholten sich die Erschießungen aufs Neue. …“
Auch wenn die hier geschilderten Opfer der Nationalsozialisten wie auch die des Stalinismus durch einen Schuss von hinten ermordet werden – der Mühe, eine rechtliche Fassade konstruieren zu müssen, wie bizarr und krass widersinnig auch immer – sind die deutschen Verantwortlichen enthoben, sie agieren nach dem Prinzip Befehl und Gehorsam, und sie berufen sich auch sofort darauf. Der stalinistischen Quote steht die Totalität des Mordens auf deutscher Seite gegenüber – buchstäblich alle Juden sollen vernichtet werden und dieser Vernichtungswille wird mit höchster Perfektion, Akribie und Perfidie in die Tat umgesetzt. Dafür ist die stalinistische Gewalt willkürlicher, weniger zielgerichtet in der Wahl der Opfer: Es gibt in der Sowjetunion absolut niemanden, der vor Stalin nicht zittern müsste, der nicht damit rechnen muss, von einem Augenblick auf den anderen Opfer der Willkür zu werden.
Es sind im Vergleich zu den Zahlen der Opfer jeweils Wenige, die die Mordtaten an Vielen durchführen. Im Fall Butowo sind es offenbar maximal 12 Ausführende, sogenannte „Mitarbeiter für besondere Aufgaben“, die im ganzen Bereich Moskau die Exekutionen durchführen und die während der Massenoperationen auch noch auf „Dienstreise“ in andere Städte und Regionen abkommandiert werden können. Die Ermordung polnischer Offiziere in Katyn und anderswo wird, soweit wir wissen, ebenfalls von sehr wenigen ausgeführt. Wassili Blochin, der auch für die Erschießungen in Butowo Verantwortung trägt und von dem das Bild eines Henkers in Lederschürze, Gamaschen und Gummistiefeln – gegen das spritzende Blut – überliefert ist, erschießt in Kalinin mehr als 6.800 Männer mit nur zwei Gehilfen. Zur Hinrichtungsstätte erscheint er mit einem Koffer, in dem sich Duzende Walther Pistolen deutscher Fabrikation befinden. Täglich werden etwa 250 Menschen in einem schallgedämpften Raum erschossen. Ein Zeitzeuge erinnert sich: „Zwei Männer hielten die Arme des Gefangenen und der Dritte schoss ihm in die Schädeldecke. … Das war’s.“ Auf diese Weise verlieren Menschen im Minutentakt ihr Leben. Wodka und Eau de Cologne gehören auch hier – wie in zahlreichen anderen Berichten dieser Art – zur Grundausstattung für die Mordtaten.
Ich muss es nun bei diesen Beispielen belassen – es gäbe viele weitere zu erzählen. Es gäbe andere Formen einer solchen Vergegenwärtigung, denken wir an die Dokumentation „Shoah“ von Claude Lanzmann, die m.E. zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte, denken wir aber etwa auch an Andrzej Wajdas Film über Katyn, der mit einer schockierenden Erschießungsszene schließt, dessen Schwerpunkt aber auf der beklemmenden Atmosphäre unter den Hinterbliebenen liegt, den auf ihre Angehörigen Wartenden im Polen der Kriegs- und Nachkriegszeit. Denken wir nicht zuletzt an dieses Haus. „history takes place“ – so die Lehre meines Lehrers Karl Schlögel. Der Besuch in einer solchen Gedenkstätte, die Auseinandersetzung mit der Geschichte an genau so einem Ort ist durch keine Lektüre, keinen Film und kein anderes event zu ersetzen.
Es kommt mir ohnehin nicht darauf an, hier die dunkelsten Stellen einer danteschen Hölle auszuleuchten, auch wenn der Ort, an dem wir uns hier befinden, sicher dazugehört. Und ist es nicht vergeblich und eitel, schwärzer als schwarz malen zu wollen?
Schwarze Erinnerungen, Erinnerungen also, die geeignet sind, Alpträume zu bereiten, beginnen für mich bereits mit dem Bericht eines jungen Ehepaars, deren Ausreiseantrag noch im Sommer 1989 abgelehnt worden war. Nach ihrer auf den Ablehnungsbescheid folgenden Fahrt von Frankfurt (Oder) zum Pariser Platz in Berlin am 17. Juni 1989 – ohne Plakat, Parolen oder ähnliches – werden sie für ein halbes Jahr allein deshalb ins Gefängnis gesteckt, weil sie der Aufforderung eines Volkspolizeimanns nicht nachkommen, den Platz unverzüglich zu verlassen. Während der Eiserne Vorhang in Ungarn fällt, während der dramatischen Ausreisewelle des letzten Jahres des sogenannten Sozialismus in Deutschland, während der friedlichen Proteste von DDR-Bürgern auf den Straßen Ostdeutschlands sitzen sie getrennt und ohne Wissen voneinander in verschiedenen Gefängnissen und bangen um ihre einzige Tochter. Ebenso beeindruckt hat mich die Erzählung einer über 90jährigen Frau aus einer Ortschaft nahe Frankfurt, die ich kennengelernt habe: Sie hatte zur Nazizeit einem französischen Kriegsgefangenen gegen das strenge Verbot eine Zeitung gegeben und dafür als noch Minderjährige fünf Monate in dem Gefängnis in Haft sitzen müssen, das heute Gedenkstätte ist, und in dem ich arbeite. Dazu bekam sie fünf Jahre „Ehrverlust“ – BDM-Mädel, also alle Mädchen, durften nicht mehr mit ihr sprechen; sie bekam einen Vormund zugewiesen; Tanzveranstaltungen und Kinobesuch waren ihr verboten, und die Gestapo erkundigte sich regelmäßig nach ihr. Das sind keine Geschichten von brutalem Mord und Folter – wie sie sich in Frankfurt auch – oder eben hier in der Leistikowstraße – ereignet haben. Aber die 90jährige Dame hat mir ihre Lebensgeschichte trotz ihres Alters und trotz ihrer damals ja eigentlich guten Tat nur unter Tränen erzählen können. Und gerade auch der Bericht des jungen Ehepaars von 1989 verbindet sich für mich, der ich diese Zeit schon sehr bewusst selbst miterlebt habe, mit Erinnerungen an eine Zeit, in der ich als Jugendlicher das Land, in dem ich aufgewachsen war, eigentlich einfach nur verlassen wollte, vor allem, weil ich keinen Militärdienst leisten wollte und mir das Militärische in der Schule zuwider war.
Worauf es jedoch ankommt, ist die Erkenntnis, dass wir in Europa eine reiche Erfahrung damit haben, was Zivilisationsbruch in seinen verschiedenen Schattierungen bedeutet. Die Erfahrungen, von denen ich Ihnen eingangs berichtet habe, sind europäischer Natur. Das deutsche Polizeibataillon ist nicht irgendwo eingesetzt, Leute wie sie töten nicht irgendwo, sondern meist in Polen oder auf dem Gebiet der heutigen Ukraine bzw. Weißrusslands. Sie töten auch nicht irgendwen, sondern die, von denen man ihnen sagt, dass sie Juden seien, es sind Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern.
Auch in Butowo wird ein buntes Gemisch von Menschen liquidiert, Menschen verschiedener sozialer, kultureller und nationaler Herkunft. Die in der Leistikowstraße inhaftierten Deutschen sind hier russischsprachigem Personal begegnet, haben es mit Menschen in sowjetischen Uniformen zu tun gehabt und haben Erfahrungen häufig in den Lagern fernab der Heimat in der Sowjetunion sammeln müssen. Später bringen sie, sofern sie überleben, eine Erfahrung mit hierher: Ohne diese Erfahrung säßen wir heute nicht hier! Ganz sicher gäbe es ohne diese Erfahrung nicht das, was historisch einmalig ist, nämlich den Versuch der europäischen Länder und Kulturen, friedlich zu kooperieren, sich auf gemeinsame Werte zu besinnen, den immensen kulturellen Reichtum des Kontinents gemeinsam zu entdecken. Wenn ich meinem Vortrag „Phönix aus der Asche“ vorangestellt habe, dann einmal deshalb, weil ich damit an König Phönix anspielen möchte, den Vater der Europa also. In die schöne Asiatin verliebt sich bekanntlich der Himmelsvater Zeus, der sich in einen Stier verwandelt und die Königstochter auf einen neuen Kontinent entführt, hier wird sie gleichsam die legendäre Urmutter der Griechen und Europäer.
Vor allem aber verbinden wir „Phönix aus der Asche“ mit der wohl ursprünglich aus Ägypten stammenden Sage, die von dem wunderbaren Vogel Phoinix handelt, von Tod und Wiedergeburt und sogar von der Unsterblichkeit. Über den griechisch-römischen Kulturkreis wird diese Sage immer wieder neu erzählt, bis schließlich spätantike und frühchristliche Dichter berichten, wie dieser einzigartige Vogel verbrennt und aus der eigenen Asche neu entsteht. „Wie Phönix aus der Asche“ ist seitdem ein geflügeltes Wort für etwas, das schon totgeglaubt war und nun wie ein Wunder doch weiterlebt. Ein solches Wunder ist auch der Erfolg der Europäischen Integration, erst recht nach der Asche, die der Kontinent gesehen hat. Das Übel in Europa, das Verstörende also etwa, von dem ich Ihnen zu Beginn meines Vortrags referiert habe: Es hatte verschiedene Ursachen. Es ist wichtig, diese verschiedenen Ursachen zu benennen und zu erkennen – denn wir wollen und dürfen die Katastrophen von Stalinismus und Nationalsozialismus nicht noch einmal erleben. Das Wunder der europäischen Integration jedoch wird, so ist meine Überzeugung, aus der Kraft der Erinnerung gespeist, aus dem Bewusstsein dessen, was möglich war, zu was wir Menschen fähig sind, zu dem niemand von uns fähig sein will, und das wir schon gar nicht am eigenen Leibe durchleben wollen.
Ganz in diesem Sinne heißt es in der „Entschließung des Europäischen Parlaments vom 2. April 2009 zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus“ unter Punkt I, „dass die europäische Integration von Beginn an eine Antwort auf das Leiden war, das von zwei Weltkriegen und der Tyrannei des Nationalsozialismus verursacht wurde, die zum Holocaust sowie zur Ausbreitung totalitärer und undemokratischer kommunistischer Regime in Mittel- und Osteuropa führten, [––] und ein Weg [ist] zur Überwindung tiefer Spaltungen und Feindseligkeiten in Europa im Wege der Zusammenarbeit und Integration sowie zur Beendigung des Krieges und zur Sicherung der Demokratie in Europa“.
Die Kraft der Erinnerung ist in diesem Licht gewaltig.
Ja, es ist schwer erträglich und sogar verstörend, von den schlimmen Dingen, die sich im 20. Jahrhundert ereignet haben, auch nur zu lesen und zu hören. Wir wissen, wir befinden uns hier an einem Ort der Ohnmacht, des Schmerzes und der Tränen. Aber gerade aus dieser Erinnerung wird uns auch grell bewusst, was wir gemeinsam in Europa niemals wieder zulassen wollen und dürfen. Deshalb haben alle, die die Erinnerung an die totalitären Vergangenheiten und die Diktaturen lebendig halten, in dem sie sich als Zeitzeugen zur Verfügung stellen, ihre Erinnerungen niedergeschrieben haben, die Gedenkstätten, Schulen und Forschungseinrichtungen mit ihren Interviews unterstützen, unseren Respekt, unsere Sympathie, unsere Zu-Neigung verdient. Sie muten uns, vor allem aber auch immer wieder sich selbst etwas zu, aber aus dieser Zumutung können wir: Mut schöpfen und uns gegenseitig Mut zu sprechen.
Wir werden diesen Mut auch benötigen!
Denn vor einem Jahr schloss Wolfgang Templin an dieser Stelle seinen Festvortrag mit den Worten „Kämen wir hier nicht im europäischen Krisenjahr 2016 zusammen, könnte ich meine Rede mit viel größerem Optimismus schließen.
Doch Nationalismus, Xenophobie, der Appell an nationale Egoismen und Alleingänge oder der Ruf nach Abschaffung der Europäischen Union werden immer lauter. Werden diese Bedrohungen, wenn sie sich verstärken, Europäerinnen und Europäer auf den Plan rufen, eingedenk der erinnerten Vergangenheit? Werden europäische Institutionen ihre Fähigkeit zu Widerstand und Innovation erweisen, nationale und europäische Politiker Konsequenz und Führungsstärke füreinander und nicht gegeneinander zeigen?
Diese Europäische Union steht vor der größten Herausforderung ihrer bisherigen Geschichte. Sie kann durch Egoismus, Schwäche, falsche Nachgiebigkeit, durch interessenbestimmte Anbiederung an Autokraten und Diktatoren der eigenen Kapitulation zutreiben. Sie kann aber auch zur Entschlossenheit finden, dem Rückfall in imperiale Großmachtpolitik zu widerstehen, die zivilen und politischen Kräfte, die ihre Stärke ausmachen zu mobilisieren und auf den Spielregeln eines neuen europäischen Miteinanders zu beharren. Dann wird sie auch ein Hoffnungszeichen für all diejenigen bleiben, die jetzt noch ungewiss vor ihren Türen stehen.“
Auch wenn die Parlamentswahlen in einigen unserer Nachbarländer im vergangenen Jahr nicht die verheerenden Ergebnisse gezeitigt haben, die viele ihnen zugetraut haben, ist die von Wolfgang Templin angesprochene Krise heute keinesfalls überwunden. In der Ukraine fordert ein von Putins Russland leichtfertig angezettelter und bis heute geförderter Konflikt täglich Tote auf jenem Kontinent, der sich einst geschworen hatte „Nie wieder Krieg!“
Demokratische Rechte und Institutionen werden selbst in unserem Nachbarland Polen, aber auch in etlichen anderen europäischen Ländern abgeschafft, beschnitten oder erheblich bedroht. Und der Wahlsieg Donald Trumps zeigt potentiell katastrophale Defizite des demokratischen Systems in der europäisch-amerikanischen Zivilisation an – und das steht übrigens ganz unabhängig davon bereits fest, was uns die Zukunft hier noch bringen wird. Allein die Tatsache, dass ein offenbar notorischer Lügner und eingeschworener Populist auf demokratischem Wege Präsident einer hochgerüsteten Atommacht, aber auch einer der erfahrensten Demokratien der Welt werden kann, ist ein alarmierender Warnschuss, der uns aufschrecken muss. Auch in unserem Land stehen rechte und linke Populisten in den Startlöchern oder stellt sich beinahe täglich die Frage, wie viel Sicherheit wir für die Aufgabe von wie viel Freiheitsrechten zu erkaufen bereit sind. Vor allem stellt sich eindringlich die Frage, wie die Erinnerung an das Übel in Europa lebendig bleiben kann, wenn diese elementar wichtige Aufgabe von der nächsten Generation übernommen werden muss. Angesichts des Krieges mitten in Europa und überall in Europa zu beobachtenden Tendenzen, Demokratie und Freiheitsrechte einzuschränken, ist das vielleicht schwieriger, als wir es uns vorgestellt haben!
Der strahlende Vogel Phönix: Er kann auch wieder verbrennen! In diesem Land wissen wir, dass ein historischer Wimpernschlag genügt, um alles zu zerstören, was in Jahrzehnten und Jahrhunderten errichtet und erreicht wurde. Diese Gefahr schwelt. Besinnen wir uns also auf die Kraft der Erinnerung, die wir lebendig erhalten müssen. Und all die Kraft, die wir für die Erinnerung auch verwenden: Wir erhalten sie tausendfach zurück!
Das einst finstere Gefängnisgebäude mit den wenigen erhaltenen kleinen Zellen, in dem die heutige Frankfurter Gedenkstätte untergebracht ist, in der ich arbeite: Sie hat ihren Ausgang über ein gläsernes Treppenhaus, von dem der Blick über die Oder in die Freiheit gleitet – und über den Strom an der Grenze, die täglich durch Freundschaften, Neugier aufeinander, dem praktischen Handel und Wandel, die Universität auf beiden Seiten sowie der Faszination des Verschiedenen überwunden wird. Meine Gedanken sind heute auch bei den schon älteren Damen und Herren, die ich in der Frankfurter Schwesterstadt S?ubice und in Rzepin getroffen habe und die zu denen gehören, die zwischen 1939 und 1956 nach Sibirien deportiert worden waren; auch sie begehen heute diesen Gedenktag. Sie haben mich mehrfach freundschaftlich aufgenommen, mir erzählt, mir vertraut, ich war ihr Gast: Ihnen möchte ich diesen Vortrag deshalb gerne widmen.
Gegenüber der dunklen Vergangenheit haben wir ein großes Privileg: Wir verlassen heute diese Gedenkstätte, die sich im Herzen Arkadiens befindet, Potsdams Schlösser und Gärten. Atmen wir den Geruch der Freiheit. Leben wir die Zivilisation! Haben wir für die Zukunft – Mut!

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