Sehr verehrte Damen und Herren,
Meine Grüße aus dem Süden der Republik gelten allen Teilnehmern am Gedenken für die
Opfer beider Diktaturen. Ich bedauere sehr, nicht anwesend sein zu können und möchte
stattdessen meine Botschaft auf schriftlichem Wege überbringen, in der ich versuche,
einige mich bewegende Gedanken zu diesem Gedenktag, und darüber hinaus, zu artiku- lieren.
Wenn heute in Europa der Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus gedacht wird,
dann erinnern wir uns an den Terror, die menschenfeindliche Gewaltherrschaft zweier Diktaturen, die für Millionen Menschen die Hölle auf Erden bereitet haben.
Wer kann sich heute nur annähernd vorstellen, welche Leidenswege Menschen ertragen mussten, physischer und psychischer Gewalt, unentrinnbar einer zügellosen Willkür ausge-
setzt, in hilflosem Verlorensein, in Hoffnungslosigkeit, qualvollem Tod entgegen ?
Wer erinnert sich nicht der entleibten Körper Überlebender der Konzentrationslager, der Gaskammer entronnen, der hungernden, um Brot bettelnden Kinder auf den Straßen des Warschauer Ghettos, der Massengräber von Babyn Jar, diesen und anderen Orten grausamsten Terrors und Mordens.
Kinder, Frauen, Alte, Männer, ganze Familien, Sippen ausgelöscht !
Was nationalsozialistische Gewaltherrschaft, Hass und Menschenfeindlichkeit der europäischen Völkergemeinschaft zugefügt haben, Minderheiten in rassistischem und
antisemitischem Wahn verfolgt und ermordet, das übersteigt jede Vorstellungskraft.
Gedenken wir der Opfer dauerhaft und vergessen wir sie nie !
Einen festen Platz in der Erinnerungskultur der europäischen Nationen muß aber auch die
Stalinistische Gewaltherrschaft von 1917 – 1989 einnehmen. Ich begrüße deshalb die Entscheidung des europäischen Parlaments, der Opfer beider Diktaturen zu gedenken, wobei
ein gegenseitiges Aufrechnen und Vergleichen beider Unrechtssyteme unterbleiben sollte.
Beide Diktaturen waren in ihrer gnadenlosen Vernichtung von Menschenleben einmalig, jede in ihrer abgrundtiefen Verachtung aller humanen Werte. Der Holocaust bleibt für immer ein Menetekel in der Verantwortung unserer Nation von absoluter Einmaligkeit !
Auch der seit 1917 in der Sowjetunion millionenfach vollzogenen Exekutierten und
Hingerichteten muß aber erinnert werden, der Schauprozesse und des Millionenheeres an Arbeitssklaven in den Gefängnissen und Lagern des Gulag, die unter Ausbeutung ihrer Arbeitskraft unter erbärmlichen Lebensbedingungen in den unwirtlichsten klimatischen Zonen der Sowjetunion zugrunde gingen.
Das Elend der ukrainischen Bauern während des Holodomors 1932/33 rückt heute besonders
in unser Bewusstsein, da ein vom Größenwahn befallener Autokrat dieses Volk auf mörde-rische Weise bekriegt.
In Russland wurden unter der Herrschaft Putins sukzessive alle Aktivitäten zur Klärung der
millionenfachen Schicksale der Verfolgten des stalinistischen Terrors nach und nach erschwert und verboten, an der Diskriminierung und dem Verbot der Menschenrechts-
organisation Memorial mehr als deutlich nachweisbar. Statt einer Aufarbeitung der Schatten der Vergangenheit, wird Stalin und seine Herrschaft heute von einem nationalen Pathos der Unbesiegbarkeit und Größe Russlands überspielt, gelöscht, und stalinistisches Gewaltpoten- tial erwacht zu neuem Leben.
Aber auch hierzulande haben sich eine stattliche Anzahl von Historikern/innen redlich im Sinne des Herrschers im Kreml bemüht, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der sowjetischen Besatzungszone nach 1945 in ihrer Darstellung zu entschärfen, zu verschleiern,
und die Örtlichkeiten des Schreckens zu entfremden oder gar der Zerstörung preiszugeben, wie z.Bsp. in den Lagern Mühlberg oder Sachsenhausen.
Die Bitte der damals noch lebenden Zeitzeugen, ihre Leidenswege, ihre erduldeten Demütigungen, die körperliche und seelische Folter, die Ängste, die Strapazen, ihr Gefange-
nendasein in all seinem Elend schildern und der Nachwelt zur Warnung hinterlassen zu dürfen, wurde mit der Bemerkung, solche Erzählungen seien zu emotional und daher – Zitat : als „nicht nachvollziehbar“ unterbunden , ihre Zeitzeugenberichte und Schriften boykottiert
oder tausendfach konfisziert. Sie sind seitdem verschwunden. Im Müll gelandet ? Oder ver-
brannt ?
Das Ansinnen, einen Gedenkstele vom Künstler Bob Bahra zum Gedenken an die Opfer des KGB an diesem Ort zu erstellen, wurde mit der Bemerkung abgetan – Zitat : „ In der DDR habe es schon genug Denkmäler gegeben !“ Statt den damals noch lebenden Zeitzeugen, Gehör und Raum für eine Mitwirkung bei der historischen Aufarbeitung zu ermöglichen, wurden sie systematisch zum Verstummen gebracht. Heute leben sie fast alle nicht mehr.
Als einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen gedenke ich jener, die unschuldig in den Speziallagern der sowjetischen Besatzungszone an Hunger, Distrophie, an Ruhr und Tuber- kulose, an Entkräftung umgekommen sind, in Massengräbern verscharrt, willkürlich verhaftet
und interniert – und es waren beileibe nicht alle Nazis, wie gewisse Historiker/innen undif-
ferenziert behaupten. Viele Verhaftete und zu Tode oder zu 25 Jahren Verurteilte wurden vom russischen Hauptmilitärstaatsanwalt rehabilitiert als „Opfer politischer Repression“, waren also einer „Säuberung“ als politisch unzuverlässige Personen zum Opfer gefallen. – Und ich gedenke der zahlreichen in der Butyrka in Moskau erschossenen Frauen,Männer und Jugend- lichen.
Das Verbergen der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von sowjetischem Militär und Geheimdiensten verübt, hat auch hierzulande dem Narrativ Vorschub geleistet, mit einem friedlichen Staat unter Führung eines lupenreinen Demokraten könnte Europa durch Handel und Wandel kooperieren, allen sich abzeichnenden Gefahren zum Trotz.
Dem Diktator im Kreml, der mit Krieg, der Unterwanderung mittels Unterstützung rechtsradikaler Parteien und Cyber-Attacken die europäischen Demokratien zu zerstören ver-
sucht, dem gilt es eindeutig Widerstand zu leisten, um unsere freiheitliche Gesellschafts- ordnung und Menschenrechte zu verteidigen.Dem Großmachtstreben eines Kriegsverbrechers, der sich auf den Spuren Stalins bewegt, muß die europäische Völkergemeinschaft widerste- hen.
Deshalb ist der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus gerade
heute so bedeutsam. Er erinnert an die katastrophalen Folgen menschenverachtender Ideologien mit Allmachtsansprüchen, die für Millionen friedliebender Menschen und für ihre Kinder und Kindeskinder Tod und Verderben bedeutete.
Wir Nachgekommenen und Zeitzeugen eines Jahrhunderts unsäglicher Tragödien stehen in der Pflicht und in der Verantwortung laut und unüberhörbar unsere Stimme zu erheben, wenn es gilt für Menschlichkeit, Rechtsstaatlichkeit, Frieden und Freiheit, für Versöhnung zwischen den Völkern und den gemeinsamen Kampf um den Erhalt unserer kostbaren Erde einzustehen.
Ich wünsche und hoffe, dass der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus einen weitreichenden Widerhall erfahren möge und in unserer Gesell- schaft zur dauerhaften Erinnerung der leidvollen europäischen Geschichte beiträgt.
Seien Sie herzlich gegrüßt !
Bodo Platt
Ehemals 1.Sprecher der Zeitzeugen-Initiative „Ehemaliges KGB.Gefängnis Leistikowstraße
Potsdam“

