22.05.2013 Märkische Allgemeine
1953 entging Peter Seele beim Häftlingsaufstand in Workuta nur knapp dem Tode / Themenwoche im einstigen KGB-Gefängnis
Die Schapka als Symbol…
Potsdam – Er lag im Graben, in den das Blut seiner Kameraden floss. Mit dem Kopf auf den Knien hörte er die Schüsse. Dann – zisch! – sauste eins der explosiven Geschosse direkt über seinen Rücken hinweg. „Zum Glück hatte ich die Wattejacke an“, sagt Peter Seele und schüttelt den Kopf. Der 84-jährige Potsdamer kann auch nach all den Jahren kaum fassen, was er damals, am 1. August 1953, beim Häftlingsaufstand im russischen Straflager in Workuta erlebt hat.
Im ehemaligen KGB-Gefängnis – heute Gedenk- und Begegnungsstätte – in der Leistikowstraße 1 wird ab Dienstag bei einer Themenwoche dem 60. Jahrestag des Aufstandes gedacht, bei dem etwa 60 Männer starben und mehr als 100 schwer verletzt wurden. Viele ehemalige Potsdamer Häftlinge mussten auch im Arbeitslager in Workuta schuften. „Mit dem Thema wollen wir an die Schicksale der betroffenen Menschen erinnern, aber auch an ihren Überlebenswillen und ihren Widerstandsgeist“, sagt Gedenkstättenleiterin Ines Reich. So wird es in der kommenden Woche Vorträge, Filmvorführungen und Zeitzeugengespräche geben. Die eigentliche Ausstellung wird am Freitag im Beisein von Peter Seele eröffnet (zum Programm: siehe Infokasten).
Seele war 1952 von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet und mehrere Monate im Untersuchungsgefängnis in der Leistikowstraße inhaftiert worden. Er sollte russischer Spion werden – doch er wollte nicht. In einer Kiesgrube in Bornstedt bekam der damals 23-Jährige buchstäblich die Pistole auf die Brust gesetzt. Mit viel Glück überlebte er – um später in Workuta wieder nur knapp dem Tode zu entkommen. „Ohne die Wattejacke wär’s vorbei gewesen“, sagt er. Eine dieser Jacken, mit der sich die Häftlinge im Straflager vor der klirrenden Kälte schützten, ist Teil der Ausstellung in der Gedenkstätte. „Wir wollten die Tafelausstellung zum Aufstand mit dreidimensionalen Objekten ergänzen“, sagt Ines Reich.
So können Besucher auch die Schapka – eine Mütze aus Polarfuchsfell – von Peter Seele in der Ausstellung sehen. „Die ist mein Heiligtum“, sagt der ehemalige Kraftfahrer und streicht über das weiche rote Fell. Gekauft hat Peter Seele die Mütze auf seiner Heimfahrt aus Workuta mit dem Geld, das er im Straflager verdient hat. „50 Rubel hatte ich“, erinnert er sich. Am Bahnhof kaufte er sich neben der Mütze einen ganzen Korb voll Eier und einen bestickten Kosakenmantel, der ihm den Spitznamen „Rasputin“ einbrachte. Zu Hause in Babelsberg erkannte ihn seine Patentante in dem Aufzug zunächst gar nicht wieder. Die Schapka ist für Peter Seele ein Symbol seiner Heimkehr. „Die würde ich nie hergeben“, sagt er.
Neben Mütze und Jacke sind in der Ausstellung auch ein Koffer und ein besticktes Säckchen zu sehen – Symbol für Rückkehr und die Arbeit der Frauen im Lager, die viel Zeit mit Sticken verbrachten. Neben dem Männerlager gab es in Workuta auch drei Frauenlager, in denen 1953 allerdings nicht gestreikt wurde. „Für die Häftlinge war der Streik eine Art Katalysator für die Entlassung“, sagt Ines Reich. Peter Seele jedoch musste noch zweieinhalb Jahre warten, bis er in die Potsdamer Heimat zurückkehren konnte. (Von Meike Jänike)

