Begrüßungsworte für die Feier mit Kranzniederlegung zum Europäischen Gedenktag 23.08.2020 von der Vereinsvorsitzenden Gisela Rüdiger

Ich begrüße Sie, liebe Frau Bonk und ihre Tochter, liebe Frau Martins, (liebe Frau Jann und Herr Jann), lieber Peter Seele und deinen Sohn, sehr geehrter Herr Schlüter.
Leider können die meisten Zeitzeugen nicht mehr nach Potsdam kommen. Ihre Gesundheit und ihr Alter lassen weite Reisen nicht mehr zu. Einige haben uns geschrieben und schicken Grüße, die ich hiermit gern weitergebe: von Frau Blazcyk, von Herrn Platt, von Herrn Utech (und von Frau Jann)
Leider kamen wieder zwei Einladungen, die wir an Zeitzeugen geschickt hatten, ungeöffnet zurück.
Ich begrüße herzlich Frau Dr. Haustein vom MWFK, Frau Dr. Seemann von der Stadt Potsdam, Herrn Körner von der LAKD und Herrn Lange, den stellvertretenden Vorsitzenden der UOKG.
Sehr geehrter Beiratsvorsitzender Herr Vogel,
Liebe Mitglieder des Vereins Gedenk- und Begegnungsstätte ehemaliges KGB-Gefängnis
Sehr geehrte Frau Dr. Reich. Ich danke Ihnen, dass die Gedenkfeier wieder hier stattfinden kann.
Liebe Frau Dr. Giesen.
Zum 5. Mal richtet unser Verein „Gedenk- und Begegnungsstätte ehemaliges KGB-Gefängnis Potsdam” den „Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus“ hier in der Leistikowstraße aus. In diesem Jahr ohne einen zentralen Vortrag und ohne das sonst übliche Büfett. Wir alle hoffen, dass wir Sie im nächsten Jahr wieder zu einer größeren Gedenkfeier einladen können.

Die Zeitzeugeninitiative, zu der sich ca. 20 ehemalige Häftlinge aus diesem Gefängnis vor etwa 10 Jahren zusammengeschlossen hatten, widmet in diesem Jahr ihren Kranz den Jugendlichen, die durch die Verhaftungswelle der sowjetischen Geheimdienste ihre Jugend verloren haben.
Diese Jugendlichen wurden aus dem Schulunterricht heraus, aus den Wohnungen ihrer Eltern, oft des Nachts oder in den frühen Morgenstunden festgenommen. Damals hieß es, sie wurden „abgeholt“. Sie waren 15, 16, 17, 18, 19, 20 Jahre alt. Sie wurden von Mitarbeitern der sowjetischen Geheimdienste in Keller gesperrt, gefoltert, verhört, völlig allein gelassen ohne ihre Eltern oder Angehörige oder einen Anwalt sprechen zu können. Die wenigsten von ihnen kamen wieder frei.
Benno Prieß listet in seinem Buch “Erschossen im Morgengrauen“ allein für Potsdam 56 Namen von Jugendlichen auf, die zwischen dem Herbst 1945 und dem Frühjahr 1946 “abgeholt” wurden. Die meisten Schicksale der Jugendlichen sind bis heute nicht aufgeklärt. Von 14 wissen wir, dass sie erschossen wurden. In ihren Rehabilitierungs-Urkunden, soweit sie vorliegen, steht, dass sie in Potsdam erschossen wurden. Wo die Erschießungen stattfanden und wo ihre Gräber sind, ist bis heute nicht bekannt.
Einer der 1945 zum Tode verurteilten und dann zu einer langjährigen Haftstrafe begnadigten Jugendlichen aus Potsdam war Heinz Schwollius zur Zeit seiner Verhaftung 16 Jahre alt.
In seinem Buch „Aus der Todeszelle in die Hölle von Bautzen“ beschreibt er sein Schicksal. Seine Todeszelle ist hier in diesem Gefängnis zu sehen, fast noch im Original.
Elternlos, wohnungslos hatte Heinz Schwollius 1945 eine Arbeit als Betreuer bei der „Antifaschistischen Jugend“ angenommen. Wenig später wurde er aufgefordert, in die KPD einzutreten, was er und andere jedoch ablehnten. Diese Ablehnung, und der Umstand, dass er sich von Amerikanern im Fahrzeug mitnehmen ließ, als er zu Fuß von einem Besuch seiner Tante in Berlin nach Potsdam unterwegs war, führten wohl zu seiner Verhaftung, sowie eine mögliche Denunziation.

Heinz Schwollius beschreibt in seinen Erinnerungen das Lebensgefühl vieler Jugendlicher der unmittelbaren Nachkriegszeit wie folgt: „Wohl jeder, der 1945 das Ende des Krieges und die zurückliegenden Jahre der Bombenangriffe, sowie die Wochen der letzten Kämpfe überlebt hatte, glaubte nun an eine friedvolle und mit Hoffnung verbundene Zukunft. Besonders die Jugendlichen waren überzeugt, nun ihrem Leben einen neuen Sinn geben zu können“.
Auch in anderen Erinnerungsberichten von ehemaligen Häftlingen habe ich häufiger solche damals gehegten Hoffnungen lesen können.
Diese Jugendlichen wurden bitter enttäuscht.
Den Zwang, den Heinz Schwollius spürte, als er in die KPD eintreten sollte, spürten viele Jugendlichen in der SBZ. Dem Zwang sich politisch zu äußern, sich zu verhalten konnte sich kaum jemand entziehen.
Die Sowjetische Besatzungsmacht ließ keinen Raum für eine freie Entfaltung der Jugendlichen zu. Eine Demokratisierung der Gesellschaft wurde von Anfang an unterbunden. Ein Aufbau demokratischer Strukturen war quasi verboten oder geschah nur zum Schein.

Heute kann die Gedenkstätte Leistikowstraße den Raum bilden, wo man versuchen sollte, die Schicksale der Jugendlichen aufzuarbeiten. Genau hier ist der Ort, um an ihren Leidensweg zu erinnern.

In der Sowjetunion und der damals in ihrem Machtbereich liegenden Länder Europas war eine Aufarbeitung bis 1989 nicht möglich, und leider war auch in den westlichen Demokratien, wo eine Aufarbeitung möglich war, das Interesse daran eher gering oder stark ideologisiert.
Aber seit 1989 hat sich viel bei der Aufklärung der stalinistischen Verbrechen getan. Inzwischen sind eine ganze Reihe von Forschungsergebnissen veröffentlicht worden. Ich erinnere an die in den letzten Jahren erschienenen Bücher von Jörg Baberowski und Karl Schlögel oder die von den Amerikanern Anne Applebaum und Tymothy Snyder. Auch Historiker des Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung und der Gedenkstätten Leistikowstraße und Lindenstraße haben recherchiert und zu diesem Thema Bücher herausgebracht.
Aber auch Romane, wie „Atemschaukel“ von Herta Müller, haben dazu beigetragen, uns die Zeit der totalen Entwürdigung, Erniedrigung und massenhaften Ermordung von Millionen Menschen unter Stalin und Hitler näherzubringen.
Herta Müller hat in ihrem Roman das Schicksal eines jungen Mannes, der Jahre in einem Gulag verbringen musste, in einer ganz besonderen eindringlichen Weise beschrieben. Sie lässt ihn, den Überlebenden – Jahrzehnte nach seiner Lagerhaft – sagen: „Ich weiß seit 60 Jahren, dass meine Heimkehr das Lagerglück nicht bändigen konnte. Es beißt mit seinem Hunger heute noch von jedem anderen Gefühl die Mitte ab. Mittendrin ist bei mir leer“
Wie vielen der Überlebenden mag es wohl ebenso ergangen sein.
Danke
Schweigeminute einlegen für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus

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