April 2012: Nur ein Kollateralschaden?

Interview der Redaktion „Stacheldraht“ mit Bodo Platt, Sprecher der Zeitzeugeninitiative Ehemaliges KGB-Gefängnis Leistikowstraße (Ausg. 04.2012)

Bodo Platt: 1930 in Görlitz geboren, dort im Mai 1948 verhaftet und verlegt in das Gefängnis Potsdam-Leistikowstraße; we­gen angeblicher Spionage und Zugehörig­keit zu einer faschistischen Organisation zu 20 Jahren Arbeitslager verurteilt; No­vember 1948 bis November 1949 Lager Sachsenhausen, dann Deportation nach lnta/Sowjetunion, Arbeit im Kohlebergbau, 1956 Entlassung; bis zur Pensionierung Realschuldirektor in der Bundesrepublik; verfasste über die Zeit seiner Gefangen­schaft die Erinnerungsschrift „ Sobirai weschtschi! — Pack deine Sachen! “; seit 2005 Zeitzeugenarbeit

Stacheldraht: Die Zeitzeugeninitiative kritisiert das Ergebnis der dreijährigen Um­gestaltung der Gedenk- und Begegnungs­stätte Leistikowstraße, die am 18. April in Potsdam neu eröffnet wurde. Haben Sie Ihre Ein­wände bereits während der Erarbeitung vorgebracht?

Platt:   Ich wurde für die Zeitzeugen in den Beirat der Stiftung Bran­denburgische Gedenkstätten berufen. Dort habe ich die ganze Entwicklung miterlebt, vor allem die Erstellung der Ausstellungstexte durch die Leiterin, Frau Dr. Reich. Der Einspruch von Beiratsmitgliedern, auch von mir, hat zu insgesamt vier Textfassungen geführt. Aber wenn heute behauptet wird, es hätte mit den Zeitzeugen eine einvernehmliche Zusammenarbeit gegeben, ist das einfach unrichtig. Während des lnterimsbetriebes durften nicht einmal mehr die Erinnerungs­berichte von Zeitzeugen und die Doku­mentation „Von Potsdam nach Workuta“ ausliegen. Wir haben so gut wie nichts ausrichten können.

Stacheldraht: Was ist Ihrer Meinung nach in der Ausstellung falsch oder falsch gewichtet?

Platt: Es ergibt sich der Eindruck, dass die Texte aus einer historischen Sicht geschrie­ben wurden, die eher marxistischer Ge­schichtsauffassung entspricht. Es ist eine Auswahl, auch an Dokumenten, die den KGB als ganz normale Spionageabwehr der sowjetischen Armee erscheinen lässt. Immer im Kontext der Verdienste dieser Armee beim Kampf gegen den Nationalso­zialismus. So erscheint, was später in der SBZ passiert ist, die Massenverhaftungen und auch die Geschehnisse im Potsdamer KGB-Gefängnis, lediglich als Kollateral­schaden. Der KGB als politische Geheim­polizei wird kaum dargestellt.

Stacheldraht: Ist Ihres Erachtens nur die Darstellung falsch oder fehlen auch The­men?

Platt: Das hängt beides zusammen. Die Häftlingsschicksale und die schlimmen Zustände im Gefängnis sind nicht deutlich herausgearbeitet, der Jugendwiderstand damals und das Thema GULag sind völlig ausgeklammert.

Stacheldraht: Unterschätzen Sie nicht die Fähigkeit von Besuchern der Ausstellung, sich mit der Materie auseinanderzusetzen?

Platt: Ich denke nicht. Frau Dr. Reich hat nach unseren Interventionen ja durchaus, vor allem in den sogenannten begleiten­den historischen Texten, Änderungen zum Positiven vorgenommen. Aber das alles ist so umfangreich, so überfrachtet. Da wer­den sich zum Beispiel jugendliche Besu­cher kaum zurechtfinden. Sie werden eher irritiert das Haus verlassen und sich fragen, was damals eigentlich geschehen ist. Wa­ren das alles zu Recht verurteilte Spione oder sind es unschuldige Menschen gewe­sen, die unter barbarischen Verhältnissen zu irrsinnigen Strafen verurteilt und nach Russland transportiert wurden?

Stacheldraht: Wie beurteilen Sie die Prä­sentation des Gebäudes nach der Fertig­stellung?

Platt: Auch das sehe ich kritisch. Man hat die Kellerfenster aufgebrochen, so dass die Dunkelzellen nicht mehr in ihrer ursprünglichen Wirkung wahrgenommen werden können. Einzelne Zellen sind völlig geschlossen, und vor allem ein ganz wich­tiger Kellertrakt, die eine Seite des Kellers, auf der sich die schlimmsten Zellen dieses KGB-Gefängnisses zu unserer Zeit befan­den, ist der Öffentlichkeit nicht zugäng­lich. Als Argument wird genannt, dass ein zweiter Fluchtweg fehle, und die schlechte Stabilität des Hauses einen Durchbruch nicht erlaube. Das ist einfach nicht über­zeugend, es hätte sicher eine Möglichkeit gegeben.

Stacheldraht: Bei der Eröffnung am 18. April gab es für die Kritiker Signale aus der Politik, die Anlass zur Hoffnung geben.

Platt: Uns hat sehr positiv berührt, wie Ministerpräsident Platzeck und auch Kul­turstaatsminister Neumann zum Ausdruck gebracht haben, dass die Erfahrungen der Zeitzeugen stärker eingebracht werden müssten. Man könne diese Menschen nicht außen vor lassen. Beide waren auch bei unserer Pressekonferenz in der Villa Quandt zugegen. Dafür waren wir sehr dankbar. Ende Juni soll nun noch einmal eine gemeinsame Begehung im KGB-Ge­fängnis stattfinden, wo wir unsere Kritik dann auch erläutern werden.

Stacheldraht: Frau Dr. Reich hat sich Me­dien gegenüber geäußert, ihr Ziel sei ein modernes zeithistorisches Museum gewe­sen, andere hätten eher ein Mahnmal ge­wünscht Lehnen die Zeitzeugen wirklich eine wissenschaftliche Forschung ab?

Platt: Überhaupt nicht. Wir haben nichts gegen die Erforschung dieser Zeit. Nur for­dern wir entschieden, dass die Verbrechen des KGB in der SBZ und später in der DDR, seine Menschenrechtsverletzungen und Pogrome in der Sowjetunion seit Bestehen der Tscheka nicht beschönigt und in die­sem Kontext die Massenverhaftungen in der SBZ, die zehn Speziallager mit Zehn-tausenden willkürlich Verhafteter und Op­fer nichtverschwiegen werden. Die Texte der Ausstellung geben z.B. die brutalen Verhörmethoden nicht wieder, sondern in mitunter fast idyllischen Szenen werden die Untersuchungsrichter als verständ­nisvolle Biedermänner dargestellt. Solche Texte haben mit der damaligen Realität überhaupt nichts zu tun. Das ist bewusste Täuschung und Verharmlosung. Wir wollen eine Gedenkstätte und kein den KGB verherrlichendes Museum. Eigentlich hatte ich diese acht Jahre meiner Gefan­genschaft in mein Leben gut integriert und manches aus der Zeit sogar als wichtige Erfahrung nutzen können, z.B. das Ken­nenlernen der russischen Sprache und die Begegnung mit der klassischen russischen Literatur. Aber wenn man sich ständig mit Versuchen auseinandersetzen muss, die Vergangenheit zu verharmlosen, dann fordert das meinen Widerstand und Pro­test heraus.

Stacheldraht: Vielen Dank, Herr Platt.

Schreibe einen Kommentar