1939 – Über den Zusammenhang von Appeasement und Entfesselungdes Zweiten Weltkriegs –

Vortrag in der Gedenkstätte Leistikowstrasse in Potsdam am 23.August 2019

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Vor genau 80 Jahren, in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1939, wurde in Moskau der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet, nach den Außenministern auch Ribbentrop-Molotow-Pakt oder nach deren Chefs auch Hitler-Stalin-Pakt genannt. Vervollständigt wurde er einen Monat später durch den am 27.September abgeschlossenen Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag. Der Hitler-Stalin-Pakt garantierte dem Deutschen Reich sowjetische Neutralität im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Polen und den Westmächten. In einem geheimen Zusatzprotokoll wurde Ostmitteleuropa – von Finnland bis zum Balkan – in eine deutsche und sowjetische Einflusssphäre aufgeteilt. Eine Woche nach Unterzeichnung des Vertrages in Moskau überfiel die deutsche Wehrmacht das Nachbarland Polen, am 17. September überschritt die Sowjetarmee die Ostgrenze Polens. Am 22. September fand die gemeinsame deutsch-sowjetische Truppenparade in Brest statt, abgenommen von den Seite an Seite stehenden Kommandierenden Heinz Guderian und Semjon Kriwoschein.
Alle diese Szenen sind genau dokumentiert – von den anwesenden Übersetzern wie Paul Schmid, Gustav Hilger, Vladimir Pawlow, Valentin Bereschkow, von Diplomaten, die, wenn sie überlebt haben, später ihre Erinnerungen veröffentlicht haben, von Kamera- und Filmteams, die Bilder für die Wochenschauen geliefert haben, Bilder, angefertigt von Hitlers Leibphotograph seit Münchner Tagen, Heinrich Hoffmann. Die Bilder sind zu Ikonen geworden und beglaubigen, was die Welt am Tag nach der Unterzeichnung nicht glauben konnte: Dass die ideologischen Todfeinde von gestern über Nacht sich einvernehmlich über freundschaftliche Zusammenarbeit geeint hatten. Eine Schockwelle ging durch die Hauptstädte, die Zeitungsleser rieben sich die Augen, die einen sahen sich verlassen und verraten, die Welt am Abgrund, andere atmeten auf, weil die Welt endlich wieder im Lot war, Russland und Deutschland endlich wieder zu normalen und guten Beziehungen zurückgekehrt waren, der Frieden in Europa gerettet war. Wie die Europäer schon wenige Tage später lernen mußten: es war nicht der Beginn einer Friedenszeit, sondern der Starter für den Zweiten Weltkrieg, das Ende einer Zeit, die im Nachhinein als Zwischenkriegszeit bezeichnet wurde, Teil 2 der Weltkriegspoche, an deren Ende Europa in Schutt und Asche gelegt und der Krieg dorthin zurückgekehrt war, wo er seinen Ausgang genommen hatte: Deutschland.
Es ist 10 Jahre her – exakt: der 2.April 2009 , dass das Europäische Parlament eine Entschliessung zum „Gewissen Europas und zum Totalitarismus“ annahm, in der der 23. August zum „Gedenktag für die Opfer aller totalitären und autoritären Regimes“ erklärt wurde. Es gibt nicht viele Orte, an denen die Erinnerung an dieses Datum fest und wachgehalten wird. Die Gedenk und Begegnungsstätte Leistikowstrasse in Potsdam, in der seit Jahren an die hier Verhafteten Gefolterten, Verurteilten, Deportierten, Getöteten erinnert wird, ist einer der wenigen Orte, um eine Geschichte in den Blick zu nehmen, die immer noch unendlich weit entfernt ist und im Wahrnehmungshorizont von uns Deutschen kaum vorkommt: das Schicksal der Welt und jener Völker und Individuen, die nach den Abmachungen des Paktes zwischen die Fronten der beiden totalitären Mächte. Sowjetrussland und Nazi-Deutschland geraten und zu Opfern einer doppelten Diktaturerfahrung geworden waren. Es fällt uns, die wir doch so vorbildlich uns mit der eigenen Geschichte auseinandergesetzt haben wollen, immer noch schwer, die Geschichte anderer zur Kenntnis zu nehmen oder gar zu verstehen. Die Initiative des Europäischen Parlaments ist, auch wenn es seither ein Europäisches Museum in Brüssel oder ein Weltkriegsmuseum in Danzig gibt, wo dieser Erfahrung Ostmitteleuropas in gewissem Sinne Rechnung getragen wird, noch immer ganz am Anfang, es ist so etwas wie „invention of tradition“, ein Prozess, der nicht per Knopfdruck bewältigt werden kann, sondern wohl etwas mit der Alltags- und Lebenserfahrung der Gesellschaften des östlichen Europa zu tun hat. Überall hat, nachdem im östlichen Europa Diktatur und Zensur gefallen waren, ein Prozess der Spurensicherung, der Dokumentation, der Befragung der Überlebenden, der Publikation von Erinnerungen eingesetzt, die Licht ins Dunkel bringen wollen, an denen man aber auch ablesen kann, wie ungemein kompliziert es ist, eine Geschichte zu vergegenwärtigen, die voller heilloser Verstrickungen war. Überall sieht man die Bemühungen, mit einer Geschichte, die sich „zwischen den Fronten“ abgespielt hat, klar zu kommen. Eine neue Museums- und Erinnerungslandschaft hat sich seit dem Ende des Ostblocks herausgebildet, alte Dauerausstellungen werden umgestellt und modifiziert. In einem postmodernen Glaspavillon am Fusse des Dombergs in Tallinn wird die Erfahrung der Esten mit der sowjetischen und der deutschen Okkupation dargestellt. In unmittelbarer Nachbarschaft zum rekonstruierten Schwarzhäupterhaus in Riga ist das ehemalige Museum der Lettischen Schützen in ein Museum der Okkupation umgewandelt worden. In Wilna gibt es ein Museum der Opfer des Genozids, untergebracht in einem Gebäude am Gediminas-Prospekt, das sowohl von Gestapo wie von NKWD/KGB genutzt worden ist, und abgetrennt davon, an einem eigenen Ort, dem Fort 16 in Kaunas, das Museum, in dem die Vernichtung der litauischen Juden dargestellt wird. Oft sind es Gefängnisse, die von beiden Seiten genutzt worden sind, und oft gibt es Orte, an denen die Massengräber der einen neben den Massengräbern der anderen liegen. In den Gefängnissen von Lemberg/Lwow/Lviv, in Kiew in der Schlucht von Baybj Jar und dem Wald von Browary, in den Parks und Sportanlagen von Winniza. Und es gibt die Orte, an denen der Widerstand gegen beide mörderische Systeme dokumentiert ist – etwa im Weltkriegsmuseum in Danzig, im Museum des Warschauer Aufstands in Warschau, im Nationalmuseum in Kiew.
Warum der 23.August eben kein gesamteuropäischer lieu de memoire ist oder geworden ist, hat viele Gründe: in jedem vom Pakt und seinen Folgen getroffenen Land wird er anders erinnert. Stefan Troebst hat versucht, die unterschiedlichen Erinnerungen so zu fassen:
Für die westlich-transatlantische Welt ist der 23.August als das Datum der Aufteilung Ostmitteleuropas in eine national-sozialistische und sowjetische Hälfte „so gut wie nicht präsent“ (Troebst) und ist überlagert von den Grossen Drei der Anti-Hitler-Koalition, dem D-Day und dem Holocaust-Geschehen.
Im westlichen Deutschland ist die Zeit von 1939 bis 1941 überlagert von dem Nachfolgenden: dem „Vernichtungskrieg im Osten“, Auschwitz, Bombenkrieg und Flucht und Vertreibung.
Für Ostmitteleuropa stellt sich dieses Datum ganz anders dar. 1939 ist das symbolische Datum für das Ende der nach dem Ersten Weltkrieg errungenen Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit sowie der Beginn eines doppelten und grausamen Besatzungsregimes, der Beginn einer Zwangssowjetisierung, die nach dem Sieg über die deutsche Wehrmacht wieder aufgenommen wurde und bis zum Ende der Sowjetunion angehalten hat.
In Russland war bis zum Ende der Sowjetunion die Existenz des Zusatzabkommens überhaupt bestritten worden, der Pakt selbst wurde interpretiert als Reaktion auf die Weigerung des Westmächte zu einem gemeinsamen System der kollektiven Sicherheit und als ultima ratio, um Zeit zu gewinnen für die Vorbereitung auf den unaufhaltsam sich nähernden Krieg Hitler-Deutschlands gegen die Sowjetunion; die Zeit gemeinsamer deutsch-sowjetischer Herrschaft über Ostmitteleuropa verschwand gleichsam im Schatten des deutsch-sowjetischen Krieges und der ungeheuerlichen Opfer der Völker der Sowjetunion, vor allem im Schatten des Triumphes im Grossen Vaterländischen Krieg: des offiziellen Tages des Sieges, der nicht so sehr ein Tages der Trauer um die Im Krieg verlorenen Angehörigen war. In diesem Narrativ erscheint Stalin als überlegender Stratege und Garant des späteren Sieges, ein Narrativ, das sich abgewandelt sich bis heute hält und das nicht zuletzt durch eine Gesetzgebung abgesichert werden soll, die die kritische Interpretationen als Verleumdung, Geschichtsfälschung und unpatriotisches Verhalten unter Strafe stellt.
Noch einmal anders und widersprüchlicher stellt sich die Rezeption etwa in der unabhängig gewordenen Ukraine dar, existiert sie heute doch in den durch den Pakt gezogenen Grenzen, während sie gleichzeitig die Geschichte ihres Unabhängigkeits-Kampfes gegen beide – die stalinistische Sowjetunion und Nazi-Deutschland – betont.
Diese Differenzen in der Interpretation und Einordnung spiegeln unterschiedliche und oft konkurrierende Erfahrungen wieder und lassen sich nicht einfach durch ein konstruiertes und ideales gemeinsames europäisches Narrativ überbrücken. Diese unterschiedlichen und oft sehr verwickelten geschichtlichen Erfahrungen auszuhalten und zu verarbeiten, beginnt damit, sie sich erst einmal anzuhören, sie einzulassen in den eigenen Horizont – und dabei freilich alle meist nationalistischen Idealisierungen und Mythisierungen zurückzuweisen (was nicht einfach ist).
Wir bewegen uns, was den 23.August als Gedenktag angeht, durchaus nicht in einem oft schon zum Recycling gewordenen, gleichförmigen und oft allzu bequemen Erinnerungsritual, sondern lassen uns auf eine offene Strecke ein – mit allen Zumutungen und Risiken, die damit verbunden sind. Wie können wir, die Nachgeborenen, die so weit ab von diesen Erfahrungen sind, hier überhaupt mitreden, wie können wir eine Sprache finden für eine unendlich verwickelte und tragische Geschichte, die der Erzählung der Sieger etwas entgegen zu setzen hat und der Erfahrung der Opfer auch nur halbwegs gerecht wird?
Ich habe mich in der Vorbereitung auf diesen Vortrag in der Literatur umgesehen – sie ist riesenhaft, unüberschaubar: von den Zeitzeugen unter den Diplomaten – Hilger, Schmidt, Molotow , den Tagebuchschreibern und Protokollanten – Iwan Majski – den quellenbasierten Arbeiten deutscher wie ausländischer Historiker nun schon mehrerer Generationen, die sich alle einen Reim zu machen versucht hatten – von Andreas Hillgruber, Sebastian Haffner oder Lew Besymenski, bis zu den neuesten Arbeiten wie die von Roger Moorhouse und Claudia Weber, sogar eine Lektüre einschliessend, die in der Regel von der internationalen Historikerzunft als unwissenschaftlich, apologetisch, revisionistisch be und verurteilt wird wie Viktor Suworows Buch mit der These vom „Eisbrecher“.
Den ausgezeichneten Sammelband der Zeitschrift Osteuropa zum 70.Jahrestag 2009 studierend, kam es mir so vor, dass ich etwas grundsätzlich Neues zum Thema nicht beisteuern kann, um so mehr als ich kein Experte in Diplomatie-Geschichte und Aussenpolitik bin und noch weniger ein Militärhistoriker, der man eigentlich sein müßte, um die diversen, auch im Verborgenen spielenden Verbindungen aufdecken und verstehen zu können. Das zu sagen, ist wichtig in Potsdam mit seiner Konzentration von militärgeschichtlicher Expertise. Was ich aber wohl machen kann, ist den Blick auf etwas zu richten, was mir neu erscheint. Jede Zeit richtet neue Fragen an die Geschichte und ringt um Antworten. Das kann man sehen, wenn man auf den Baltischen Weg, also jene Menschenkette von über eine Million blickt, die am 23.Augut 1989 von Vilnius über Riga bis Tallinn reichte. Es handelte sich eben nicht nur um eine akademische Frage. Damals ging es noch um den Kampf darum, ob das Geheime Zusatzabkommen überhaupt existiert hat, oder ob es sich um eine böswillige Unterstellung und Erfindung von antisowjetischen Propagandisten und Agenten handelt. Die Bildung einer Menschenkette von weit mehr als einer Million war Ausdruck des Unabhängigkeitsstrebens der baltischen Völker war, der Anerkennung und Nichtigerklärung des Vertrags durch den Kongress der Volksdeputierten im Dezember 1989 in Moskau – womit auch das Ende der Sowjetunion eingeleitet war. Damals stand die Auseinandersetzung um die geschichtliche Wahrheit im Zusammenhang mit dem Kampf um die Wiedergewinnung der Souveränität der baltischen Staaten und die Auflösung des sowjetischen Imperiums.
Seither hat sich die Welt noch einmal geändert und mit ihr auch die Fragerichtung. Es ist seither manches geschehen, was im Erwartungshorizont der Zeit nach 1989, nach dem endlich eingetretenen Ende des Kalten Krieges und der Teilung Europas, nicht vorgesehen war: die Rückkehr des Krieges nach Europa – zuerst in Jugoslawien und Russland -, dann die Verschiebung der Grenzen eines souveränen Staates – Russlands Annexion der Krim und der Krieg in der östlichen Ukraine – eine Nachkriegszeit, die in vielem fast wie eine Vorkriegszeit erscheint, schliesslich ein amerikanischer Präsident, der aufgehört hat, Umgangsformen und Regeln des internationalen Verkehrs zu respektieren. Überall geschahen Dinge, die man sich bis vor kurzem „nicht hatte vorstellen“ können: Wie immer man diesen Zustand bezeichnen will, neue Weltunordnung, Ende der Bipolarität, Wiederkehr des Kalten Krieges, gewiss ist, dass es neue Bedrohungsszenarien gibt, die man sich in der Euphorie der Nachwendezeit nicht hatte vorstellen können. Der Angriff Putin-Russlands auf die souveräne Ukraine, die Annexion ukrainischen Territoriums und der bis heute anhaltende unerklärte Krieg im Donbass – all das hat im östlichen Europa eine Erfahrung reaktiviert, die nicht einfach als psychologische Empfindlichkeit oder Phobie von Balten, Polen, Weissrussen oder Ukrainern abgetan werden kann, sondern etwas mit historischer Erfahrung zu tun hat, einer Erfahrung, von der man im westlicher gelegenen Deutschland immer noch wenig oder zu wenig weiss, und die man nicht zur Sprache bringen will, weil jede Kritik der sowjetischen Politik sogleich als Ablenkung von den ungeheuerlichen Verbrechen, die die Deutschen im Osten Europas begangen haben, als Russophobie, Antikommunismus oder Rückfall in den Kalten Krieg stigmatisiert wird. Die Angst, noch einmal verraten und preisgegeben zu werden, beruht aber nicht auf der Einbildung von Querulanten mit einer leichten psychologischen Macke. Die Rhetorik des Appeasement und der angeblichen Realpolitik ist denen, die im 20. Jahrhundert die Rechnung dafür bezahlen mußten, wohl geläufig. Man sollte sich daher nicht wundern, wenn Balten, Polen, Ukrainern Assoziationen zum Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt und Freundschaftsabkommen samt Geheimprotokollen in den Sinn kommen, wenn in einer Situation territorialer Annexion, offener Gewaltausübung und fortgesetzter Drohung von Seiten der Russischen Föderation eine Gas-Pipeline fertig gebaut wird, so als wäre nichts geschehen.
Geschichte wiederholt sich nicht, aber es gibt Konstellationen und Verhaltensweisen, die aufschlussreich sind, die einen sensibel machen können, für das was jetzt geschieht. Es gibt keine Rezepte, die man unmittelbar aus der Geschichte ableiten kann, und Analogien führen meist in eine Sackgasse, aber man kann daran den historischen Sinn schulen, um wach zu sein und sich fit zu machen für die Gegenwart. Dass etwas miteinander zu vergleichen nicht bedeutet, etwas gleichzusetzten – diese Selbstverständlichkeiten lernt man schon in den ersten Klassen der Grundschule, haben es in einer Öffentlichkeit, die sich für reif und erwachsen hält, aber immer noch schwer.
Aus dieser Vorrede folgt, dass ich mich im Folgenden vor allem mit drei Themen beschäftigen werde:
Erstens: Was heißt es überhaupt, sich mit der Erfahrung derer vertraut zu machen, die für fast zwei Jahre – von September 1939 bis Juni 1941 – Objekt einer doppelten totalitären Herrschaft geworden sind? Wir müssen uns erst einmal einer Erfahrung öffnen, die in der Regel in unserem Horizont nicht oder kaum vorkommt. Wir müssen erst einmal hinhören.
Zweitens: Wenn es eine Lehre gibt, dann die, dass Appeasement und Realpolitik die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges nicht verhindert, nicht einmal hinausgezögert haben, sondern Teil seiner Entfesselung war. Dabei darf man wesentliche Unterschiede – etwa zwischen Appeasement und aktiver Kooperation oder Kollaboration – nicht übersehen.
Drittens: Was sind die Langzeitfolgen dieser Doppelherrschaft und Doppelerfahrung? Was heißt es, eine Sprache für die Erfahrung der Opfer zu finden, die es mit den Meistererzählungen der Sieger aufnehmen kann?

Erstens: Was heißt es überhaupt, sich mit der Erfahrung derer vertraut zu machen, die für fast zwei Jahre – von September 1939 bis Juni 1941 – Objekt einer doppelten totalitären Herrschaft geworden sind?
Fast auf die Stunde genau begann 8 Tage nach der Unterzeichnung des Nichtangriffs-Pakts am 1.September der deutsche Angriff. 60 Divisionen, 2.500 Panzer, über 1 Millionen Soldaten überschritten die 2.000 Kilometer lange polnische Grenze aus drei Richtungen. Wie Hitler es in seiner Ansprache an die Oberbefehlshaber am 22.August ausgedrückt hatte, war das Ziel: „Vernichtung Polens – Beseitigung seiner lebendigen Kraft“. Erstmals wurde eine Millionenmetropole Ziel von Luftangriffen, über 500 Städte und Dörfer wurden niedergebrannt; 700 Massenhinrichtungen in den ersten Wochen des „Blitzkrieges“ zeigten, was dem von Deutschen besetzten Polen bevorstand.
Am 17.September, nachdem trotz Beistandsverpflichtung und Kriegserklärung Frankreichs und Englands kein wirklicher Angriff auf Deutschland erfolgte, sondern eher etwas, was man als „drole de guerre“ bezeichnet hat, nachdem kurz zuvor der sowjetisch-japanische Grenzkonflikt in der Mongolei beigelegt war, der die Gefahr eines Angriffs auf die Sowjetunion im Fernen Osten bannte, wurde dem polnischen Botschafter in Moskau Waclaw Grzybowski mitgeteilt, dass, nachdem die polnische Regierung aufgelöst sei und der polnische Staat zu existieren aufgehört habe, die Sowjetregierung nicht gleichgültig bleiben könne gegenüber den bjelorussischen und ukrainischen Blutsbrüdern auf polnischem Territorium. Molotow nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen am 17.September 1939:
„Die Ereignisse, die durch den polnisch-deutschen Krieg hervorgerufen wurden, haben die innere Haltlosigkeit und offensichtliche Handlungsunfähigkeit des polnischen Staates bewiesen. Die herrschenden Kreise haben Bankrott gemacht…In Anbetracht all dessen hat die Sowjetregierung…dem Oberkommando der Roten Armee die Verfügung erteilt…die Grenze zu überschreiten und das Leben und das Eigentum der Bevölkerung der Westukraine und Westbjelorusslands unter ihren Schutz zu nehmen“.
Sowjetische Truppen überschritten 3 Uhr morgens die Grenze. Polnische Truppen, die verzweifelt gegen die vorrückenden deutschen Truppen kämpften, wurden im Rücken von sowjetischen Streitkräften angegriffen. Wehrmacht und Rote Armee rückten, wie zuvor vereinbart, in koordinierten Aktionen vor und praktizierten eine Interaktion, die für beide Regime in der Zeit zwischen September 1939 und Juni 1941 charakteristisch werden sollte. Auf die gemeinsame Siegesparade und die offizielle Erklärung, dass man gemeinsam Ordnung ins „polnische Chaos“ bringen wolle, folgte am 27.September eine weitere Konferenz in Moskau, deren Ergebnis der Vertrag über Frieden und Freundschaft war, sowie ein weiteres Geheimabkommen, in dem der genaue Grenzverlauf zwischen beiden Mächten präzisiert wurde: Finnland, Estland, Lettland, Litauen (einschliesslich Wilna) sollten der sowjetischen Interessensphäre angehören – später auch die Nordbukowina und Bessarabien -, Wojewodschaften im Westen wurden dem Reich angegliedert (Warthegau), das übrige Polen (mit Warschau und Krakau) zum Generalgouvernement erklärt. Nach dieser berichtigten Grenzziehung war Polen gleichsam zweigeteilt, der westliche Teil mit ca. 20 Millionen, der östliche mit ca. 12 Millionen Menschen. Mit Massenverhaftungen und Hinrichtungen – die Sonderaktion Krakau, die Ausserordentlichen Befriedungsaktionen – versuchen die Deutschen von Herbst bis Sommer jeden möglichen Widerstand im Keim zu ersticken. 50.000 Polen starben im ersten Herbst und Winter, Tausende im Sommer 1940.
Die sowjetische Seite besetzte die ostpolnischen Gebiete unter der Losung der „Befreiung“ der in der Zweiten polnischen Republik diskriminierten und unterdrückten Minderheiten der weissrussischen und ukrainischen „Brüder“. Schon wenige Wochen nach dem Einmarsch waren Räte etabliert, die um den Anschluss an die Bjelorussische und Ukrainische Sowjetrepublik ersuchten, der dann auch erfolgte. Etwas ähnliches geschah mit den drei baltischen Republiken, die um sowjetischen Beistand ersuchten und im Juni 1940 in die UdSSR aufgenommen wurden.
Fast parallell und symmetrisch waren die Aktionen beider Mächte, was die Einverleibung der Territorien anging, wenn auch unterschiedlich in Form und Vorgehen. Während es den Deutschen auf die völkisch-rassisch definierten Feinde ankam, zielten die sowjetischen Besatzer auf die „Ausbeuterklassen“. Beide zielten je auf ihre Weise auf die „Enthauptung“ der von ihnen annektierten und inkorporierten Staaten und Gesellschaften.
Teil der Besetzung und Integration in die deutsche bzw. sowjetische Machtsphäre waren Bevölkerungsverschiebungen grossen Stils. Aus den Westgebieten Polens wurden Hunderttausende von Polen und Juden vertrieben, ins Generalgouvernement abgeschoben und in Gettos konzentriert. Ganze Landstriche wie die Zamojszczyna wurden zum Experimentierfeld für bevölkerungspolitische rassistische Experimente. Raum sollte geschaffen werden für die Sammlung von „Splittern deutschen Volkstums“ und die Germanisierung der eroberten Gebiete. Die aus den baltischen Republiken, aus Wolhynien, Bessarabien, Galizien und der Bukowina „Heim ins Reich“ geholten Deutschen wurden im Warthegau, der „frei geräumt“ worden war, angesiedelt. Ost- und Mitteleuropa wurden zum Verschiebebahnhof und zur Drehscheibe für Menschenbewegungen bisher unbekannten Ausmasses. Damit war eine Kettenreaktion von Vertreibung und Umsiedlungen in Gang gesetzt, in die Millionen von Menschen hineingezogen wurden und die auch nach Ende des Krieges noch nicht zu einem Ende kamen. Doch war dies erst der Anfang dessen, was die deutsche Herrschaft in Polen vorhatte: die Errichtung eines Sklavenstaates, Tod durch Hunger und Arbeit, Vernichtung des Judentums.
Die sowjetische Seite steuerte auf ihre Weise ihren Anteil zur Flurbereinigung bei, nicht so sehr der ethnischen als vielmehr der sozialen. Sie machte sich dabei Spannungen zwischen unterschiedlichen Minderheiten zunutze, was in der ethnischen, sozialen, sprachlichen, religiösen und kulturellen Gemengelage des östlichen Mitteleuropa kein Kunststück war. Weissrussen und Ukrainer gegen Polen, Polen gegen Juden, Litauer gegen Polen, Letten und Esten gegen Baltendeutsche, das ukrainische Dorf gegen die polnische Stadt und das jüdische Shtetl. Sie nutzte und schürte vorhandene Widersprüche, so daß es in vielen Fällen tatsächlich beim Einmarsch der Roten Armee zu Begrüssungsszenen von Ukrainern, Weissrussen und Juden kam, die sich sehr wohl an das ihnen in der Zweiten Polnischen Republik widerfahrene Unrecht erinnert hatten, was wiederum blutige und rasende Pogromszenen in Gang setzte, als litauische oder ukrainische Nationalisten im Schatten des deutschen Einmarsches 1941 in Kaunas oder Lemberg Tausende von Juden umbrachten.
In gezielten Aktionen gingen die sowjetischen Invasoren vor allem gegen mutmassliche Oppositionskerne, sozial und kulturell definierte Eliten, vor: also Intellektuelle, Offiziere, Unternehmer, Mitglieder nicht-kommunistischer Parteien, wohlhabende Bauern, Angehörige des Klerus und sonstige Repräsentanten des öffentlichen Lebens der jeweiligen Nation. Streng klassifizierte Kategorien der herrschenden Ausbeuterklassen – oder was man dafür hielt – wurden ausgesondert, verhaftet und ins Landesinnere deportiert. Dies betraf Hunderttausende von Bürgern, die in chirurgisch präzisen „Operationen“ – die polnische, die ukrainische, die baltischen – deportiert wurden. Eine der paradoxen Begleiterscheinungen war, dass Deportation aus den sowjetisch besetzten Gebieten oftmals lebensrettend sein konnte: Juden, die aus Pinsk oder Lemberg nach Kasachstan im Frühjahr 1940 deportiert worden waren, befanden sich nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion glücklicherweise ausserhalb der Reichweite der deutschen Sonderkommandos und konnten so, wenn sie Verbannung und Lager in der sowjetischen Hälfte überlebt hatten, in den 1950er Jahren zurückkehren. Ein lebensbedrohender und hoch symbolischer Akt der deutsch-sowjetischen Interaktion war der Austausch deutscher Antifaschisten, Kommunisten und Juden, die in den 2 Jahren zwischen 1939 und 1941 aus dem sowjetischen Gulag in deutsche Konzentrationslager überstellt wurden. Die gravierendste Aktion, in der der mörderische Zug der sowjetischen Okkupationspolitik zum Ausdruck kam, war die systematische Tötung von Tausenden von Angehörigen der polnischen Armee und Intelligenz im Frühjahr 1940 in Katyn bei Smolenks, Starobelsk bei Charkow und Mjodnoje bei Twer durch Einsatzkräfte des NKWD.
Überall war das Okkupationsregime, ob von Nazis oder Stalinisten, grausam, aber die Spezifik der osteuropäischen Situation bestand meines Erachtens darin, dass es aus ihr kein Entrinnen gab, es keine Seite gab, auf die man sich schlagen konnte. Die Situation der Falle. Aus dem besetzen Frankreich gab es vielleicht den Weg über die Pyrenäen nach Lissabon und von dort weiter über den Atlantik, im östlichen Europa waren die Wege versperrt und es war eher dem Zufall anheimgegeben, ob man durchkam. Es war ein Zufall, wem man in die Hände fiel. Von zwei Schwestern beispielsweise wurde die eine in Katyn erschossen, die andere im Wald von Palmiry. Beide Schwestern. Die Brüder Wnuk wurden fast gleichzeitig exekutiert, der eine in Katyn, der andere in der Festung Lublin. „Obwohl Sowjets und Deutsche ihre Massnahmen gegen die polnische Bildungsschicht nicht koordinierten“, so Tim Snyder, „nahmen sie dieselben Gruppen aufs Korn. Die Sowjets entfernten Elemente, die sie als gefährlich für ihr System ansahen, unter dem Vorwand eines Klassenkriegs. Die Deutschen verteidigten ihre Gebietsgewinne, handelten aber auch aus dem Gefühl heraus, die niedere Rasse müsse unten gehalten werden. Letztlich waren beide Strategien sehr ähnlich, mit mehr oder weniger gleichzeitigen Deportationen und mehr oder weniger gleichzeitigen Massenerschiessungen“. Hier war nicht nur der Fluchtweg versperrt, auf das Verschwinden des einen Verfolger, folgte ein anderer: „Die doppelte Besatzung, erst sowjetisch, dann deutsch, machte das Leben der Bevölkerung nur noch komplizierter und gefährlicher. Eine einzige Besatzung kann eine Gesellschaft für Generationen zerbrechen, eine doppelte ist noch schmerzhafter und spaltender. Sie erzeugte Risiken und Versuchungen, die im Westen unbekannt waren. Das Verschwinden eines fremden Herren bedeutete nicht mehr als die Ankunft eines anderen. Wenn fremde Truppen abzogen konnten die Menschen nicht auf Frieden rechnen sondern auf die Massnahmen der nächsten Besatzer. Sie mußten die Konsequenzen ihrer Parteinahme unter den vorigen Besatzern tragen, wenn die neuen kamen, der Entscheidungen unter einer Besatzung treffen, während sie auf eine andere warteten. Für unterschiedliche Gruppen konnte dieser Wechsel unterschiedliche Bedeutung haben. Nichtjüdische Litauer z.B. konnten den Abzug der Sowjets 1941 als Befreiung empfinden, Juden sahen die Ankunft der Deutschen anders.“ (Snyder). In dieser auch von Dietrich Beyrau, Jörg Baberowski und Anselm Döring-Manteuffel beschriebenen „Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und stalinistischen Imperium“, in diesen „Räumen der Gewalt“ schien es kein Entkommen zu geben. Wo SS und NKWD-Leute – wie z.B. bei der Organisation der Umsiedlungsaktionen – auch personell zusammenarbeiten, eskaliert die Destruktivität wechselseitig. NKWD-Gefängnisse wurden Gestapo-Gefängnisse und umgekehrt. „…Es gab keine Grauzone, kein Randgebiet, keines der tröstlichen Klischees der Soziologie des Massenmords liess sich anwenden. Es war schwarz in schwarz…“ (Snyder).
Zur Interaktion beider Gewaltsystem gehören auch noch die Versuche beider Seiten, sich post festum Grossverbrechen gegenseitig in die Schuhe zu schieben und propagandistisch auszuschlachten, wie es im Falle Katyn geschah, wo die Nazis 1943 gleichsam im Scheinwerferlicht von Filmkameras und Forensikern Tausende von exekutierten Polen exhumieren liess, die nach der Räumung des Gebietes durch die Sowjetarmee dann als Beweis für die Massenverbrechen der Nazis herhalten mußten, über die in den Nürnberger Prozessen dann aber nicht gesprochen werden durfte. Es brauchte noch Jahrzehnte, bis zum Ende der Sowjetunion, bis die Dokumente, die dieses Verbrechen beglaubigten, veröffentlicht wurden. Präsident Jelzin übergab sie in den 1990er Jahren der polnischen Regierung, und es dauerte noch einmal ein weiteres Jahrzehnt, bis eine russisch-polnische Kommission sich über die Veröffentlichung dieser Dokumente einig werden konnte. Es ist wahrscheinlich wieder kein Zufall, dass zwei aus der ostmitteleuropäischen „Zwischenzone“ stammende Gelehrte entscheidend zur Klärung der Gewalt- und Rechtsverhältnisse beigetragen haben: Rafael Lemkin, der aus dem litausich-weissrussischen Wolkowyschk stammende und in Lemberg ausgebildete Jurist, der den Terminus des „Genozids“ erfunden und in Umlauf gebracht hat, und Hersch Lauterpacht, der aus Galizien stammende Völkerrechtler, der den Terminus „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ eingeführt hat. Beide, aus dem Niemandsland zwischen den Grenzen stammend, waren besorgt um das Schicksal extrem bedrohter Minderheiten, als Individuen oder in Kollektiven (Philippe Sands).
Die fast 2 Jahre deutsch-sowjetischer Herrschaft über Ostmitteleuropa sind nicht bloss eine Fußnote, eine Vorgeschichte für die eigentliche Geschichte, die erst mit dem Angriff auf die Sowjetunion beginnt, sondern eine Geschichte und Erfahrung sui generis.
Andrzej Wajdas Katyn-Film von 2007 wird eröffnet mit Szenen der Flucht – Wajdas Vater war 1940 in Starobjelsk vom NKWD exekutiert worden. Die einen rennen Richtung Osten, auf der Flucht vor der Wehrmacht, die anderen Richtung Westen, auf der Flucht vor der Roten Armee. Beide Fluchtströme treffen in einem heillosen Chaos auf der Brücke über den Bug aufeinander. Eine Szene der Verwirrung, der Ratlosigkeit, der Verzweiflung und der Ungewissheit, was ihnen bevorsteht. Diese Szene verdankt sich nicht einem dramaturgischen Einfall, sondern der Wirklichkeit.

Zweitens: wie kam es zum Abschluss des Paktes, war er wirklich wie ein „Blitz aus dem heiteren Himmel“ oder war er nicht vielmehr absehbar?
Julius Margolin, Autor eines der bedeutendsten Beschreibungen der sowjetischen Lagerwelt, der zu Besuch aus Palästina im Sommer 1939 nach Lodz gekommen, vor den Deutschen nach Osten geflohen, dort von NKWD festgenommen und ins Lager am Polarkreis deportiert worden war, war nicht der einzige, der in diesem Sommer wußte, dass es Krieg geben würde, und der es dennoch nicht glauben konnte, als er wirklich da war. Und für beides gibt es Anhaltspunkte: für die sich mehrenden Anzeichen eines kommenden Krieges wie für die totale Überraschung am Ende fieberhafter diplomatischer Aktivitäten. Es gab eine längere Anlaufzeit, spätestens seit dem Münchener Abkommen im September 1938, und alle Züge eines hastigen, alle diplomatische Routine über den Haufen werfenden Vorgehens. Die Form eines Handstreichs, eines Coup.
„München ist der Ort, an dem die Vorgeschichte des Hitler-Stalin-Paktes spätestens einsetzte“ – so Werner Benecke. Am 28.September 1938 hatten der britische Premierminister Neville Chamberlain, der französische Ministerpräsident Edouard Daladier, der italienische Diktator Benito Mussolini in München der Forderung Hitlers nachgegeben, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten und binnen 10 Tagen räumen mußte, um die Sudetenkrise zu beenden. Auch in anderen Gebieten der Tschechoslowakei waren Volksabstimmungen vorgesehen. Am 1.Oktober 1938 begann der deutsche Einmarsch, Polen besetzte am 2.Oktober das Teschener Gebiet, am 2. November übernahm Ungarn Gebiete in der Südslowakei und in der Karpatho-Ukraine. Das Abkommen wurde ausgehandelt und abgeschlossen, ohne dass Vertreter der Tschechoslowakei mit am Tisch sassen und in Abwesenheit der Sowjetunion, die mit der Tschechoslowakei durch ein Abkommen verbunden war. Das Deutsche Reich sollte nun endgültig „saturiert“, die Demütigung von Versailles vergessen und die Kriegsgefahr für immer gebannt sein. „Peace for our time“ – so Neville Chamberlains Botschaft nach seiner Rückkehr aus München. Bekanntlich war sie falsch und eher Wunschdenken als Realpolitik. Hitler dachte nicht an die Einhaltung des Abkommens und besetzte am 15.März 1939 die, wie es hiess, „Rest-Tschechei“ und wandte sich den nächsten Zielen zu: dem Memel-Gebiet, der Freien Stadt Danzig und dem sog. Polnischen Korridor. Doch Hitler zielte auf mehr als nur die Revision der durch Versailles definierten politischen Landkarte, er war nicht der Nationalist, als den man ihn nach Rheinlandbesetzung und Anschluss Österreichs vielleicht noch ansehen konnte, sondern der Mann, der seine Agenda bereits in „Mein Kampf“ dargelegt hatte – die Schaffung eines rassistischen Imperiums, das ganz offen den Kampf gegen den Westen, Kampf für Lebensraum im Osten, den Sturz des Bolschewismus und die Vernichtung des Judentums proklamiert hatte. Jeder konnte es wissen.
Die Westmächte hatten 1938, um des lieben Friedens mit Hitler-Deutschland willen, den Anschluss des Sudentenlandes hingenommen und auf beispiellose Weise einen souveränen europäischen Staat preisgegeben. Die Sowjetunion, die am Aufbau und Erhalt eines Systems kollektiver Sicherheit interessiert war, war in München nicht mit dabei; sie hatte seit 1932 ein Abkommen mit Frankreich zur Waffenhilfe im Falle eines Angriffs. Seit 1935 bestand auch ein Beistandspakt der Sowjetunion mit der Tschechoslowakei, der aber nur dann in Kraft treten sollte, wenn Frankreich seinen Verpflichtungen nachkam und wenn der Durchmarsch durch Polen und Rumänien garantiert sein würde. Die sowjetisch-polnischen Beziehungen waren trotz mannigfaltiger Reibereien seit dem Frieden von Riga, mit dem 1921 der polnisch-sowjetische Krieg beendet und der Grenzverlauf – die Curzon-Linie – festgelegt worden war, mehr oder weniger geregelt.
Die deutsch-polnischen Beziehungen waren seit Versailles von Anfang an von Revisionsforderungen und Stimmungen vergiftet, doch nach 1933 kam es wider aller Erwarten zu einem „gut nachbarlichen Verhältnis“: mit dem Gewaltverzichtabkommen von 1934, der guten Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen, der Wertschätzung für den greisen Pilsudski durch Besuche von Goering und Goebbels in Warschau und die Übersetzung der Pilsudski-Autobiographie. Polen beteiligte sich sogar an der vom Deutschen Reich betriebenen Zerstückelung der CSR, indem es am 2.Oktober 1938 Teschen/Tesin/Cieyzin besetzte, während der deutschen Seite wohl daran lag daran, Polen für den antibolschewistischen Kreuzzug gegen die Sowjetunion zu gewinnen. Aber es gab Grenzen für weiteres Zusammengehen: Polen widersetzte sich den von deutscher Seite Anfang 1939 gestellten Forderungen zum Status von Danzig, zur Regelung des Verkehrs im polnischen Korridor, und zum Beitritt zum Antikomintern-Pakt zwischen Deutschland und Japan, so daß Hitler Anfang April 1939 die Weisung für den „Fall Weiß“, also für militärische Maßnahmen gegen Polen erteilte. Großbritannien setzte dem wenigstens den Abschluss eines Beistandsabkommens am 6.April 1939, Frankreich eine erneuerte Militärkonvention am 19.Mai 1939 entgegen mit Hilfszusagen im Falle eines Angriffs auf Polen.
Die Frage war, wie sich die Sowjetunion im Fall weiterer deutscher Expansion und Aggression und der offensichtlichen Absicht, Polen zu isolieren, verhalten würde. Deutschland wie Russland waren nach Ende des Ersten Weltkrieges, Revolution und Bürgerkrieg international isoliert und fanden sich als „Parias“ in der Zusammenarbeit gegen die Ordnung von Versailles wieder. Das bedeutete: Revision der politischen Landkarte und Beseitigung des wiedererstandenen polnischen Staats. Der Chef der Reichswehr Hans von Seeckt formulierte fast so etwas wie einen revisionistischen Konsens in der frühen Weimarer Republik, als er im September 1922 sagte:
„Polens Existenz ist unerträglich, unvereinbar mit den Lebensbedingungen Deutschlands. Es muss verschwinden und wird verschwinden durch eigene, innere Schwäche und durch Russland – mit unserer Hülfe…Polen kann niemals Deutschland irgendwelchen Vorteil bieten, nicht wirtschaftlich, denn es ist entwicklungsfähig, nicht politisch, denn es ist Vasall Frankreichs“. Während der Weimarer Zeit war es zu einer intensiven geheimen militärischen Zusammenarbeit gekommen. Sie fand mit der Machtergreifung der Nazis 1933 vorerst ein Ende. Die rabiat antibolschewistische und Politik des Deutschen Reiches nach 1933 vertiefte erst einmal die Kluft und liess ein Zusammengehen beider Staaten unwahrscheinlich erscheinen. Das fundamentale Interesse des Dritten Reichs, den Rücken frei zu haben für die Aggression gegen Polen und dessen westliche Verbündete, wog indes schwerer als der ideologische und propagandistische Schlagabtausch zwischen „Faschismus“ und „jüdischen Bolschewismus“. Wenn es Hitler gelingen würde, die Sowjetunion im Konflikt mit Polen zu einer neutralen Politik zu bewegen, Polen zu isolieren und so die Gefahr eines Zweifrontenkriegs zu vermeiden, dann wäre ein entscheidendes Hindernis auf dem Weg des „Dritten Reiches“ zur Vorherrschaft über Mittel- und schliesslich ganz Europa aus dem Weg geräumt. Hitler konnte sich, gedeckt durch die wirtschaftlichen Ressourcen, die mit dem Vertrag ebenfalls gegeben waren – Öl, Getreide, Eisenerz – der Zerschlagung des polnischen Staates zuwenden, umso mehr als er hoffte, dass Grossbritannien und Frankreich sich nicht zu einem wirklichen militärischen Einsatz für Polen bereitfinden würden.
Für die Sowjetunion war im Hebst 1938 nicht klar, wohin die Reise gehen würde: sie war von der Entscheidung ausgeschlossen, es war nicht klar, ob England und Frankreich an der Aufrechterhaltung des Systems kollektiver Sicherheit weiterhin interessiert waren oder lieber ihr Appeasement gegenüber Hitler-Deutschland fortsetzen würden, um das fanatisch antibolschewistische Nazireich gegen die Sowjetunion auszuspielen. Jeder der großen Spieler schien sich mehrere Optionen offen halten zu wollen. Es ist im Schatten der späteren Anti-Hitler-Koalition etwas aus dem Blick geraten, dass die westlichen Mächte seit dem Bürgerkrieg stramm antibolschewistisch eingestellt waren und der Gedanke, die Deutschen als Bollwerk gegen den Kommunismus zu benutzen, nicht aus der Welt war. Aber auch umgekehrt galt. In den Augen der sowjetischen Führung war das Vaterland des Sozialismus von kapitalistischen Mächten eingekreist und belagert, und jeder Widerspruch, jeder Konflikt zwischen den imperialistischen Mächten konnte – zumal die Weltrevolution ins Stocken geraten und auf den „Sozialismus in einem Land“ zurückgeworfen war – für die UdSSR nur ein Gewinn sein. Stalin erklärte auf dem 18.Parteitag im März 1939, dass die Sowjetunion nicht bereit sei, für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen, und stellvertretend für andere Hitler-Deutschland die Stirn zu bieten. Die Westmächte zögerten und liessen die Situation offen, warteten ab, während Stalin sich nicht nur seiner Bedrohung und Gefährdung bewußt war, sondern auch seine zentrale Rolle als „Zünglein an der Waage“ bei der Definition des Kräfteverhältnisses erkannte und handelte – und zwar in parallell und gleichzeitig sowohl mit England und Frankreich als auch mit deutschen Stellen geführten Verhandlungen. Die Westmächte wollten ein Abkommen mit der UdSSR, um den Druck auf Hitler-Deutschland zu erhöhen. Die Sowjetunion forderte freie Hand im Umgang mit den Nachbarstaaten, die Deutschen wollten, dass die Sowjetunion stillhält im Falle des deutschen Angriffs auf Polen.
Es ging dann alles sehr schnell von deutscher wie von sowjetischer Seite, die Gespräche folgten einander in großer Dichte, von Ribbentrops Flug mit der Weltsensation war nur der „Paukenschlag“ als krönender Abschluss. Ein Nervenkrieg, ein Krimi mit offenem Ausgang. Alles sieht aus nach einem groß angelegten Spiel der Diplomatie, der back channel Kontakte, eines kunstvollen Spiels zur Bewältigung, Einhegung eines tödlichen Konfliktes.
Doch in Wahrheit kamen hier mächtigere historische Triebkräfte und Motive zum Tragen, und was auf den ersten Blick so paradox und widernatürlich erscheint, ist in Wahrheit eher als das Naheliegende. Mächtigere Interessen als utopische Ideologien und Projektionen – hier das rassistische Programm der Nazis, dort das marxistisch-leninistische Programm Stalins – waren hier wirksam. Man muss nur bedenken. 1939 waren gerade etwas mehr als zwei Jahrzehnte vergangen, dass das Russländische Reich untergegangen war – in Krieg, Revolution und Bürgerkrieg. Die Gründung der UdSSR 1922 war ja nichts weniger als die Neugründung des Reiches unter neuem – modernerem – Vorzeichen. Es bot sich – wie immer das mit Kriegen und daraus entspringenden Krisen und Zusammenbrüchen der Fall ist – die Chance der Zerstörung der Nachkriegsordnung – Versailles, Frieden von Riga und die ganze neue Staatenwelt zwischen Ostsee und Balkan –, man konnte zuzusehen, sie zu befördern und etwas für sich herauszuschlagen, ohne selber großen Einsatz zu wagen. Im sowjetischen Fall handelt es sich um die Wiedergewinnung von Territorien, die einst dem Russländischen Reich angehört hatten, freilich nicht einfach als Reconquista, nicht bloss als Wiederherstellung eines alten Zustandes, sondern unter Bedingungen der nach 1917 stattgehabten sozialen Umwälzung: also Abschaffung des Privateigentums, Einparteien-Diktatur, Einführung der Planwirtschaft, Ersatz der individuellen Bauernwirtschaften durch die Kollektivbetriebe, forcierte Industrialisierung in präzedenzlosem Umfang und Tempo, Beseitigung aller Barrieren, die einem radikalen Durchherrschen von oben nach unten entgegenstanden. Den wahren Sinn des Paktes hat Wjatcheslaw Molotow, der zweite Mann im Staat, der Unterzeichner von Abertausenden von Todesurteilen, und wohl einer der wichtigsten Diplomaten des 20. Jahrhunderts, offen und mit Stolz ausgesprochen. „Es war meine Aufgabe als Außenminister, die Grenzen unseres Vaterlandes zu vergrößern Und es sieht danach aus, als hätte Stalin und ich diese Aufgabe recht gut erfüllt“. Das Bündnis mit Hitler eröffnete die Möglichkeiten und ließ ihm freie Hand, im Osten Europas aufzuräumen: das verhasste Polen, den „Bastard von Versailles“ (Molotow) zu beseitigen, die baltischen Provinzen und Bessarabien zurückzuholen, und sogar Territorien zu annektieren, die noch nie zum Russischen Reich gehört hatten, wohl aber von ihrer ethnischen Zusammensetzung her beansprucht wurden – die Nord-Bukowina und Ost-Galizien als bevölkerungsmäßig mehrheitlich ukrainische Gebiete.
Im Eilverfahren wurde nach der sowejtischen Annexion die sowjetische Form der Modernisierung in den besetzten Gebieten nachgeholt: die Säuberung von klassenfremden Elementen und Klassenfeinden, die Beseitigung der Parteienlandschaft in den zwar autoritären, aber doch noch pluralen Staaten der Zwischenkriegszeit, die Gleichschaltung der Öffentlichkeit, die Etablierung der Geheimpolizei und aller Instrumente des ideologischen und physischen Terrors, Bevölkerungsverschiebungen im grossen Stil, (die sich nach der 2. Besetzung nach der Rückeroberung am Ende des 2. Weltkrieges noch einmal wiederholen sollten), aber auch die Eröffnung von Kanälen sozialen Aufstiegs durch Schulen und Industrialisierung in den weithin noch agrarischen Regionen. Die Sowjetisierung liess sich hier nicht Zeit, sondern kam über Nacht, im Expressverfahren und in anderen Formen und Formeln von Legitimation als denen der Nazis: dass es Wahlprozeduren gab, dass die „Stimme des Volkes“ hörbar wurde, dass die überholten Verhältnisse zerschlagen werden und ein bestimmter Typus von „neuen Menschen“ entstehen sollte. Es ist der Beginn einer Sowjetisierung, die durch die ungeheuren Zerstörungen, die die Naziherrschaft bis zum Ende des Krieges mit sich gebracht hatte, verschärft wurde. Die Nazis hatten mit der Ermordung der Juden die klassischen urbanen Milieus zerstört, ein Vakuum hinterlassen, in das dann die neuen sowjetischen Strukturen hinein stießen, hineingepflanzt wurden. Man kann die Sowjetisierung des östlichen Europa ohne die ungeheure Zerstörungsarbeit der Deutschen nicht verstehen. Viele grosse Städte – Wilna, Kaunas, Minsk und andere wurden erst nach dem Krieg in Zuge der Industrialisierung und des Massenzuzugs vom Lande „nationalisiert“, also litauisiert, bjelorussifiziert, ukrainisiert usf. Es handelt sich bei der Reintegration der Gebiete also gerade nicht um eine reaktionäre Wiederherstellung des status quo ante – des Imperiums -, sondern um die Integration in das Imperium sowjetischen Typs mit allem, was dazugehört: Deportationen, Massenmorde, die Entfesselung von „Bürgerkriegen im Krieg“ (Alfred Rieber), also Aufstachelung der Ukrainer gegen die Polen, der Ukrainer und Polen gegen die Juden, die soziale Nivellierung und politische Gleichschaltung – mit einem Wort: all dies ist nicht boss „Stillhalten um Zeit zu gewinnen“, nicht bloss Nachgeben gegenüber einem Aggressor, nämlich Hitler-Deutschland, sondern es handelt sich um ein eigenes, imperiales, imperialistisches, wenn man so will: sozial-imperialistisches Programm, das eben nicht bloss auf die Wiederherstellung des Zarenreiches abzielt, sondern auf die Expansion des Sowjetimperiums. Hier liegt ein fundamentaler Unterschied zur Appeasement-Politik der Westmächte der Jahre 1938/1939 vor.
Die Frage, die sich hier stellt, ist, warum sich, wenn es sich nicht nur um das Ziel eines Zeitgewinns gehandelt hat, wie es in einer apologetischen Interpretation der sowjetischen Politik heißt, die Sowjetunion Stalins so verhalten hat. Sie hat bis zum Ende, also bis um Überfall am 22. Juni 1941 an den Vereinbarungen festgehalten und mehr noch. Am 10.November 1940 traf Molotow zum Gegenbesuch in Berlin ein, um weitere Formen und Projekte der Zusammenarbeit auszuloten. Ein wirkliches Ereignis: die sowjetische Delegation am Anhalter Bahnhof, militärisches Zeremoniell, Abspielen der Nationalhymne – der Internationale -, Gespräche und feierliche Empfänge in der Reichskanzlei, Bankett im Hotel Kaiserhof, Unterbringung in Schloss Bellevue. Hitler wollte Molotow in Richtung Indien gegen das Britische Empire locken, Hitler deutete Konzessionen in der Dardanellen-Frage und Donaumündung an. Aber es kam bei den Gesprächen, die von einem Fliegeralarm der Royal Air Force unterbrochen wurde, nichts heraus. Die deutsch-sowjetisch/russische Freundschaft feierte fröhliche Urständ: In Berufung auf Bismarck hatte Ribbentrop schon auf dem Festbankett im Kreml Ende September 1939 gesagt: „Deutschland und Russland ist es früher immer schlecht gegangen, wenn sie Feinde waren, aber gut, wenn sie Freunde waren… Der Führer und Stalin haben sich für die Freundschaft entschieden“. Für Graf von der Schulenburg, Botschafter in Moskau, 1944 von Freislers Volksgerichtshof verurteilt und in Plötzensee hingerichtet, war, wie er glaubte, mit dem Pakt etwas in Erfüllung gegangen, wofür er ein ganzes Leben lang gearbeitet hatte. Auch die Intellektuellen der konservativen Revolution und des nationalen Sozialismus empfanden eine innige Sympathie für den deutsch-sowjetischen Schulterschluss.

Das ganze Jahr 1940 über aber wurden die Lieferungen von Erdöl, Futtergetreide, Baumwolle, Chromerzen aus der Sowjetunion vertragsmäßig erfüllt – immerhin 52% des sowjetischen Gesamtexports, geliefert an eine Macht, die Schlag auf Schlag, Blitzkrieg auf Blitzkrieg dabei war, Europa zu unterwerfen: am 9.April 1940 Besetzung von Norwegen und Dänemark; am 10.Mai 1940 Überfall auf Belgien, Luxemburg und die Niederlande, am 22.Juni 1940 die Kapitulation Frankreichs in Compiègne. Während man der Entfaltung des Krieges im Westen zusah, konnte Stalin im Juni 1940 nach dem Sieg am Chalchin Gol im Fernen Osten ein Neutralitätsabkommen mit Japan unterzeichnen und so die Gefahr eines Zweifrontenkriegs bannen. Auch anderen Dinge sind merkwürdig: Unterdessen wurde die innersowjetische Öffentlichkeit auf Freundschaft mit den Deutschen gestimmt. Die antifaschistische Propaganda wird weitgehend eingestellt. Im Bolschoi gab es – inszeniert von dem genialen Eisenstein – Richard Wagners „Walküre“ – in Berlin dafür „Iwan Susanin“ in der Lindenoper. Im Gorki-Park waren Agitatoren unterwegs, um dem Volk den Sinn der neuen Politik zu erklären, warum die Deutschen gute Verbündete sind und die Engländer imperialistische Kriegstreiber. In Kinos wurde die Verfilmung eines Feuchtwanger-Romans abgesetzt, ebenso Eisensteins – „deutschen-kritisches“ Meisterwerk „Alexander Newski“. In Bibliotheken lagen Nazizeitungen aus, die Kommunisten überboten sich in Lobhudeleien auf die geniale Aussenpolitik Stalins. So etwa ein Gedicht von Johannes R.Becher „August 1939“:
„An Stalin. Du schützt mit deiner starken Hand den Garten der Sowjetunion. Und jedes Unkraut reißt Du aus Du, Mutter Russlands größter Sohn, nimm diesen Strauss. Nimm diesen Strauss mit Akelei zum Zeichen für das Friedensband, das fest sich spannt zur Reichskanzlei“. Komintern-Funktionäre wie Walter Ulbricht und Herbert Wehner lobten den Kampf Deutschlands gegen den aggressiven Imperialismus der Briten, und sogar von dem in Buchenwald gefangen gehaltenen Ernst Thälmann war zu hören, dass der Pakt der Solidarität von sowjetischem und deutschem Proletariat diene. Es waren die Parteien der Komintern, die vom Pakt am schwersten getroffen wurden. Er ist die Stunde eines moralischen Zusammenbruch und die Geburtsstunde der Generation der sog. Renegaten und Dissidenten, der Stephen Spender, Raymond Aaron, Arthur Koestler und Hanna Arendt, die ihre Schlussfolgerungen für den Rest des 20. Jahrhunderts formulierten: Der Gott, der keiner war; Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft.
Noch gravierender als das propagandistische Aufgebot Moskaus war wohl die rätselhafte Missachtung aller Hinweise darauf, dass Hitler längst den Weg zum Angriff auf die Sowjetunion beschritten hatte. Mit der Weisung vom 18.Dezember 1940 waren die Vorbereitungen für den „Fall Barbarossa“ eingeleitet worden, die bis zum 16.Mai 1941 abgeschlossen sein sollten. Geschichtsnotorisch und rätselhaft ist die Zurückweisung aller Informationen und Hinweise auf die militärischen Vorbereitungen, auch im grenznahen Bereich. Darunter die qualifiziertesten Kräfte der sowjetischen Auslandsaufklärung und von Politikern, die den Kampf gegen Hitler von Anfang an auf ihre Fahnen geschrieben hatten – wie etwa Winston Churchill. All diese Meldungen wurden als Desinformation und schlimmer: als Provokationen, die die Sowjetunion in die Falle locken sollten, abgewiesen, ihre Überbringer bestraft.
Es gibt um dieses Verhalten eine ausführliche, nicht abreißende Diskussion, die von der Psychopathologie des Diktators, von Fehleinschätzungen des Nationalsozialismus durch Stalin, von den Folgen der Vernichtung der militärischen Elite in den Jahren der Säuberungen handeln oder vom Zurückweichen, um Zeit zugewinnen für die militärische Aufrüstung, mit der man im Rückstand war. Diese Diskussion wird vor allem durch das panikähnliche Verhalten des Diktators in den ersten Wochen nach dem deutschen Überfall und den blitzartigen Vorstoss der Wehrmacht in den ersten Monaten bekräftigt. Lag hier Versagen, Verzweiflung oder gar die List des genialen Stalin vor, den Feind ins Land hinein zu locken, um ihm dann den tödlichen Schlag zu verpassen, oder kam alles so, weil Hitlers Wehrmacht dem Angriffskrieg, den Stalin selbst vorbereitet haben soll, zuvor gekommen war?
Ich kann hier nichts Kompetentes oder gar Neues vortragen. Was mir nur auffällt, , ist die fast ausschließliche Fixierung auf das diplomatische und militärische Geschehen in jenen Jahre, so als hätte die sowjetische Außenpolitik nichts mit der inneren Entwicklung der Sowjetunion in jenen Jahren zu tun. Ist es nicht so, dass die äussere Politik wenigsten mitbedingt ist durch die inneren Verhältnisse? Was waren eigentlich die innersowjetischen Triebkräfte und Spannungen, die diese Politik befördert, hervorgebracht, ja notwendig gemacht haben? Man hat oft den Eindruck, dass wir es schlicht mit der Raffinesse oder der Beschränktheit eines gewieften Stalin und seines Teams zu tun haben. Ich habe keine eigenen Forschungen zu dieser Frage vorzuweisen, finde aber, dass es ein eklatanter Mangel ist, wenn auf die Ableitung von äußerer Politik aus den inneren Verhältnissen verzichtet wird. Eine der ganz wenigen Ausnahmen, die mir bekannt sind, ist eine Arbeit von Wladislaw Hedeler, erschienen unter dem Titel: „1940 – Stalins glückliches Jahr“, erschienen vor fast 20 Jahren. Und tatsächlich: es ist ein Jahr, in dem nicht die Gewalt beendet, wohl aber die Welle des Terrors der Jeschowschtschina, also der Jahre 1937/38 mit ihren Schauprozessen, Verhaftungswellen, Folterungen und Massenexekutionen abgeebbt, vorbei ist; es ist das Jahr, in dem die „fünften Kolonnen“ im Inneren liquidiert sind und Trotzki, der master mind aller antisowjetischen Verschwörungen am 20.August 1940 im Exil in Mexico, mit Beilhieben erledigt worden ist. Es ist das Jahr, in dem die Sowjetunion in den Grenzen des alten Imperiums und darüber hinaus wiederhergestellt ist, und die neu erworbenen Territorien nach dem Ebenbild des Vaterlandes der Werktätigen umgestaltet wird, auch wenn es nicht gelungen ist, ganz Finnland in die Knie zu zwingen und nur einen Teil davon im Winterkrieg zu annektieren; es ist ein Jahr, in dem die Sowjetunion, über Jahrzehnte Paria und international isoliert, eine zentrale, ja ausschlaggebende Stellung im internationalen System erobert hat, weil sie selbst über Optionen verfügt und ihr ganzes Gewicht in die Waagschale werfen kann. Die Sowjetunion befindet sich nach dem Stress des 1. und 2. Fünfjahrplans, mitten im 3.Fünfjahrplan. Die Arrondierung des Imperiums war ein grosser Gewinn, Fortschritt durch Expansion statt Intensivierung des inneren Landesausbaus, für den Reformen notwendig gewesen wären, zu denen das Regime aber nicht fähig war oder nicht mehr die Zeit bekam (die Reformdiskussion ging erst Ende der 1940er Jahre wieder los).
Es gibt genügend Aussagen der sowjetischen Führung, der „Generation Stalin“, die etwas über deren Denk- und Erwartungshorizont aussagen. Sie gehören der Generation an, die den Ersten Weltkrieg und die Revolution als prägendes Ereignis mitgemacht hatten und für die der Fortgang der Revolution mit der Krise, der Rivalität der imperialistischen Mächte verbunden war, einem Ringen, von dessen Ausgang letztlich auch das Überleben von Stalins „Sozialismus in einem Land“ abhing. Der Krieg war nicht nur ein Verhängnis, sondern eine Chance. In den Kriegen rieb sich das imperialistische Lager selber aufsprengte den imperialistischen Gewaltzusammenhang und eröffneten Schneisen, durch die sich die Revolution Bahn brechen konnte. Die Sowjetunion mußte nur die Rivalität der Grossmächte zu nutzen verstehen. Das war eine Chance, die Zeit arbeitete für die Schwächung es imperialistischen Lagers, für die Ausbreitung des Sozialismus – über das eine Land hinaus. Das alles steht in der Bibel der stalinistischen Sowjetunion, dem „Kurzen Lehrgang der KPR“, erschienen 1938. Wie anders kann man die Vorwürfe an die Adresse Englands als Kriegstreiber verstehen! Wie anders kann man Stalins „Kastanienrede“ verstehen, dieses Plädoyer für Sich-Heraushalten und Zusehen, was passiert, wenn zwei sich streiten! Wie anders kann man die wirtschaftliche Zusammenarbeit sehen, die Idee des Leninschen Projekts einer deutsch-sowjetischen Modernisierungspartnerschaft! Die Idee von einem unangreifbaren euroasiatischen Kontinentalblock, der es mit dem maritimen Block aufnehmen konnte, lag schon lange in der Luft – von den geopolitischen Projektionen Karl Radeks bis zu Karl Haushofer und dessen Schüler Rudolf Hess. Ja, 1940, in dem auch der finnische Winterkrieg und Katyn spielten, war Stalins glückliches Jahr – das Jahr nach dem Pakt und das Jahr, bevor die nationalsozialistische Apokalypse auch über die Sowjetunion hereinbrach.
Aber das sind nur Fragen und Anregungen, die ich hier nicht weiter ausführen kann.

Drittens: Was sind die Langzeitfolgen dieser Doppelherrschaft und Doppelerfahrung? Gegen die Geschichtsschreibung der Sieger, die der Besiegten zur Sprache bringen.
Bestimmte historische Erfahrungen haben sich, wie man das nennt, „ins kollektive Gedächtnis“ eingebrannt. Die Erfahrung mit dem Hitler-Stalin-Pakt gehört zu dieser Art von Ereignissen. Ihre Wirkung verschwindet erst, wenn sich die Konstellation aufgelöst hat, von der die Bedrohung ausgegangen ist. Um deren Erfahrung zur Sprache zu bringen, reicht die Sprache der Nachgeborenen, die von all dem verschont geblieben sind wohl nicht aus. Aber sie haben eine Stimme, ihre eigene Stimme, beglaubigt durch eigenes Erleben und Leiden. Darunter sind unendlich viele Namenlose, aber auch Namen von Autoren und Werken, in denen diese Erfahrung aufbewahrt ist. Wir haben Wassili Grossman, einen Tolstoi des 20. Jahrhunderts, der in seinem Werk den Weg aus dem jüdischen Berditschew nach Stalingrad und von dort den Weg über die entvölkerte Ukraine und Treblinka nach Berlin zurücklegt. Wir haben Alexander Wats Odyssee durch das 20. Jahrhundert – von Warschau über Lemberg nach Kasachstan, und aus Warschau nach Paris. Wir haben das Zeugnis der Margarete Buber-Neumann, die ihre Fahrt aus Stalins Lager in Kasachstan ins deutsche KZ in Ravensbrück im Jahre 1940, die quer durch das deutsch-sowjetisch besetzte Polen führte, beschrieben.
Der Hitler-Stalin-Pakt, angeblich ein Sieg der Realpolitik, ist eines der wichtigsten und schändlichsten Abkommen des 20. Jahrhunderts. Er leitete ein, was in unvorstellbare Gewalt bis hin zum Völkermord mündete. Der Hitler-Stalin-Pakt hat den von Hitler geplanten Krieg, der mit dem Angriff auf Polen begann, möglich gemacht. Was mit dem Münchner Abkommen 1938 begann – der Beschwichtigungspolitik der Westmächte – setzte sich fort in einer deutsch-sowjetischen Absprache, die dem deutschen Aggressor nicht nur freie Hand liess, sondern die sowjetische Seite zu einem Partner bei der vierten Teilung Polens und der Aufteilung Ostmitteleuropas in zwei Interessensphären machte. Die Politik der Beschwichtigung und der Zusammenarbeit hat den bedrohten Frieden nicht gerettet, sondern die Völker Europas Hitler und dann auch Stalin ausgeliefert. Die Opfer, die am Ende auch die Völker der Sowjetunion für die Politik Stalins in dem von Hitler begonnenen Krieg gegen die Sowjetunion zu zahlen hatten, waren unermesslich hoch. Den Deutschen, die den Krieg nach Osten getragen haben, steht es wohl an, die Erfahrungen der Ostmitteleuropäer, die die ersten Opfer der Aggression geworden sind, anzuerkennen und wenigstens zur Kenntnis zu nehmen. Diese haben mehr als einmal die Erfahrung gemacht, dass Politik über ihre Köpfe hinweg nichts Gutes bringt, dass sich Aggressoren durch gutes Zureden und Entgegenkommen nicht beschwichtigen lassen. Mut und Courage an den Tag zu legen, wenn andere bedroht sind, ist das Wenigste, was wir den Opfern des Paktes von 1939 schulden.

Karl Schlögel am 23. August 2019

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